Last Updated on 22. April 2024

Die Abbey Mills Pumping Station gilt als eines der bedeutendsten Beispiele viktorianischer Ingenieurskunst. Sie wurde entworfen, um das Londoner Abwassersystem zu verbessern und die Stadt vor den verheerenden Auswirkungen von Überflutungen und Krankheiten zu schützen, die durch die damals herrschenden sanitären Bedingungen verursacht wurden. Einzigartig sind die vielen Architekturstile und die bunten, sehr aufwändigen Dekorationen im Inneren.

Die Abbey Mills Pumping Station

Die Abbey Mills Pumping Station, eine prächtige architektonische Meisterleistung und ein faszinierendes technisches Denkmal, erhebt sich majestätisch im Osten Londons. Doch was macht dieses Gebäude, das auch als Cathedral of Sewage bekannt ist – so besonders?

Die Entstehungsgeschichte

Die Abbey Mills Pumping Station wurde im 19. Jahrhundert – zwischen 1865 und 1868 – erbaut und als Teil des Londoner Abwassersystems konzipiert.
Um zu verstehen, warum sie so dringend benötigt wurden, müssen wir noch ein paar Jahre weiter zurückgehen. In den 1830ern wurde das Water Closet (die Toilette mit Wasserspülung) der Standard in den vornehmen Häusern Londons. Bis dahin hatte man die menschlichen Ausscheidungen in Eimern im Keller aufbewahrt, die nachts von sogenannten „Night Soil Men“ abgeholt und entleert wurden.
Die modernen Toiletten bzw. deren Abwasserleitungen wurden an die Kanalisation angeschlossen, die an kleinere Flüsse (z.B. Tyburn, Fleet oder Houndsditch) und dann in die Themse führten. Ungeklärte Abfälle landeten also ab 1830 in der Themse.
Die Menschen starben auch an Typhus oder Cholera. Letztere breitete sich stark aus, da das Trinkwasser aus der Themse vergiftet war.
In 1858 wurde der Gestank der Themse so unerträglich, dass selbst die MP (member of Parliament) nicht länger im Palace of Westminster (heute Teil der Houses of Parliament) arbeiten konnten. Das Jahr geht als „the great stink“ in die Geschichte ein.

Eine Lösung musste her, um die Londoner Bevölkerung gesund zu halten und zu schützen. Der Ingenieur Sir Joseph Bazalgette bekam große finanzielle Mittel von der Regierung, um das Trinkwasser zu sichern und ein modernes Abwassersystem zu entwickeln.

Dieses Abwassersystem verfügt(e) über 3 Hauptgänge, die parallel zur Themse und flussabwärts liegen. Der Plan Bazalgettes sah vor, dass diese Kanäle nahe Beckton entleert und dann bei Flut (denn die Themse wird von Ebbe und Flut reguliert) aus London hinaus und Richtung Meer gespült werden.

Zur Architektur von Abbey Mills

Das markante Äußere der Pumpstation ist von einem gotischen Stil geprägt. Ihre Architektur und ihre monumentalen Türme machen sie zu einem Wahrzeichen in der Gegend. Von außen wirkt es so gar nicht wie eine Kläranlange, oder?
Noch viel verblüffender wird es jedoch im Inneren. Das Design stammt von Charles Driver, der eigentlich für Eisenbahn Design bekannt war.

Sechs Architekturstile in einem Gebäude

Man sagt, dass kein anderes viktorianisches Gebäude mehr Architekturstile vereint. In der Tat lassen sich sechs Stile im und am Gebäude erkennen.

  • Italienisch-Venezianisch (Italian Venetian): Sichtbar an den Bogenfenstern und der Optik der Regenrohre
  • Französische Gotik (French Gothik): Erkennbar an den inneren Eisenpfeilern und den Spitzen der Zugangstürme zu den Stahltriebwerken
  • Flämisch (Flemish): S. die steilen Mansardendächer
  • Byzantinisch/Mauretanisch (Byzantine/Moorish): Erkennbar in den Entlüftungsschornsteinen, die wie Minarette aussahen
  • Russisch Orthodox (Russian Orthodox): s. die achteckige Kuppel
  • Keltisch (Celtic): Sichtbar in den Messing- und Kupferröhrchen am Portal des Ostflügels

Die Highlights im Inneren der Cathedral of Sewage

Das Maschinenhaus hat das Layout eines griechischen Kreuzes, der Stil erinnert an den einer orthodoxen Kirche.

Auffällig und wunderschön ist die bunte Blumen- und Blätterdekoration auf Säulen und Geländern. Rot, Gold und Grün sind die dominierenden Farben. Wenn du dich jetzt fragst, warum man das Innerer einer Kläranlage so massiv dekorierte, eine Erklärung ist, dass Abbey Mills ein Highlight ihrer Zeit war. Sie stand für die technische Entwicklung und das wollte man auch im Inneren demonstrieren. Hier war eben nicht nur eine Kläranlage entstanden, sondern die Cathedral of Sewage, die Kathedrale des Abwassers.

Die Technik von Abbey Mills

Zwischen 1868 und den frühen 1930ern war die Glanzzeit der Dampfmaschinen. Vor Ort waren acht 142-PS starke Maschinen im Einsatz.

1933 wurden acht elektronisch betriebene Maschinen installiert, die liebevoll „Daleks“ genannt werden, weil sie dem Doctor Who Bösewicht verblüffend ähnlich sehen.

Die Bedeutung heute

In 1997 wurde Abbey Mills in einen „Standby Modus“ versetzt, denn die ursprüngliche Funktion einer Kläranlage ist mittlerweile von moderneren Einrichtungen übernommen worden. Abbey Mills springt nur noch dann ein, wenn starke Regenfälle London heimsuchen und der Wasserlevel in den Kanälen stark ansteigt.
Die Hauptlast wird seit 1998 von einer Kläranlage in der direkten Nachbarschaft übernommen, die wie Abbey Mills vorher die Abwässer nach Beckton pumpt.
An ausgewählten Tagen – z.B. während des Open City Festivals – kann man das Gelände und vor allem das beeindruckende Innere besichtigen. Für Kulturveranstaltungen kann man die Station ebenfalls mieten.

Restaurierungen zum 150-jährigen Jubiläum

2015 feierten die Londoner Abwasserkanäle ihr 150-jähriges Jubiläum. Zur Feier wurde in Abbey Mills das Original viktorianische Farbmuster zunächst erforscht und anschließend erneuert. Die ersten Teile erstrahlen seit 2018 wieder in bunten Farben. Und die waren sehr intensiv, es gibt bunte Blumen und Blätter, viel Gold an Säulen und dekorativen Elementen. Erneut ein Moment, wo man sich erstaunt wundert, dass hier viel Detailarbeit „nur“ in eine Kläranlage gesteckt wurde.

Abbey Mills ist Grade II listed

Seit dem 6. November 1974 steht Abbey Mills unter Denkmalschutz. Das Gebäude ist Grade II listed. Den offiziellen Eintrag bei Historic England findest du hier.

Abbey Mills ist in meinen Augen ein spannender Ort für einen Besuch, wenn du auf Architektur, Ingenieurskunst und die Geschichte der Stadt stehst. Mit Sicherheit kein Must-See für einen ersten Besuch, aber besonders reizvoll, wenn du die Klassiker in London schon gesehen hast. Wenn du diese besondere Kläranlage schon mal besucht hast, erzähle gerne in den Kommentaren unter diesem Post davon.