Last Updated on 26. Januar 2025

Die Cast Courts (auf deutsch Abguss- bzw. Gipsabgusshallen) des Victoria and Albert Museums in London beherbergen eine einzigartige Sammlung von Gipsabgüssen bedeutender Skulpturen und architektonischer Werke aus der ganzen Welt. Diese Reproduktionen wurden im 19. Jahrhundert erstellt und bieten die Möglichkeit, wichtige Kunstwerke zu studieren, die sonst aufgrund von Standort, Zustand oder Zerstörung unzugänglich wären.

Komm mit in diesen einzigartigen Bereich, der zum Staunen einlädt und der für mich einfach nie an seiner Magie verliert.

Geschichte der Cast Courts

Die Cast Courts, ursprünglich als „Architectural Courts“ bekannt, wurden 1873 eröffnet. Bereits bei der Gründung des Museums im Jahr 1852 galten Gipsabgüsse als wesentlicher Bestandteil der Sammlung. Sie dienten der „Verbesserung des öffentlichen Geschmacks im Design“ und der „Anwendung der bildenden Kunst auf Gebrauchsgegenstände“. Die Abgüsse wurden als „überlegen gegenüber Zeichnungen“ betrachtet und von Studierenden zum Skizzieren und Zeichnen genutzt. Mit der Zeit erweiterte das Museum seine Sammlung um figürliche Skulpturen und monumentale Abgüsse.

Warum wurden die Cast Courts gegründet?

Die Cast Courts wurden eingerichtet, um der Öffentlichkeit und Studierenden Zugang zu bedeutenden Kunstwerken zu bieten, die sonst schwer zugänglich waren. Durch die Gipsabgüsse konnten wichtige Monumente und Skulpturen aus verschiedenen Kulturen und Epochen vor Ort in London studiert und analysiert werden.

Die Highlights der Sammlung

Zu den beeindruckendsten Exponaten der Cast Courts gehören:

  • Trajanssäule: Eine geteilte Reproduktion der römischen Trajanssäule, die aufgrund ihrer Höhe von etwa 30 Metern in zwei Teile gegliedert ist. Der Fries der Säule zeigt in Spiralform die Eroberung Dakiens durch Kaiser Trajan. In einen Teil kannst du sogar reingehen und die Unterkonstruktion betrachten.
  • Pórtico de la Gloria: Ein Abguss des Portals der Kathedrale von Santiago de Compostela aus dem 12. Jahrhundert, geschaffen von Meister Mateo. Die Herstellung dieses Abgusses erforderte aufwendige Verhandlungen mit den kirchlichen Behörden und wurde 1866 abgeschlossen.
  • Die drei Davids: Abgüsse von Michelangelos David, Donatellos David und Verrocchios David mit dem Haupt des Goliath. Der Abguss von Michelangelos David war das erste bedeutende italienische Figurenabguss des Museums und wurde 1857 erworben.

Wie wurden die Abdrücke hergestellt?

Die Herstellung der Gipsabgüsse war ein aufwendiger und sorgfältiger Prozess, der im 19. Jahrhundert hohe Kunstfertigkeit erforderte. Zunächst wurde direkt vor Ort eine Form von der Skulptur oder dem architektonischen Detail genommen. Dazu wurde Gips oder ein anderes formbares Material wie Gelatine, Wachs oder Harz verwendet, das die Details der Oberfläche präzise abbilden konnte.

Die Form wurde dann in das Museum gebracht, wo sie mit flüssigem Gips oder Metall ausgegossen wurde, um den Abguss zu erstellen. Nach dem Aushärten wurde der Abguss bearbeitet, um eventuelle Unregelmäßigkeiten zu beseitigen, und häufig auch bemalt, um das Aussehen des Originals möglichst genau zu imitieren.

Für große Werke wie die Trajanssäule musste dieser Prozess in mehreren Abschnitten durchgeführt werden. Jede Sektion wurde separat abgegossen und später zusammengesetzt, um das gesamte Monument nachzubilden.

Wo befinden sich die Cast Courts im V&A?

Die Cast Courts befinden sich im Westflügel des Victoria and Albert Museums in den Räumen 46a und 46b, die speziell für diese Zwecke entworfen wurden. Die Räume wurden 1873 eröffnet und gehören zu den ältesten noch original erhaltenen Galerien des Museums.

Die beeindruckenden, hohen Decken der Cast Courts – bis zu 25 Meter – wurden gebaut, um monumentale Abgüsse wie die Trajanssäule und das Pórtico de la Gloria unterzubringen.

Der Raum 46a wird auch als „Italienischer Hof“ bezeichnet, da er sich auf Werke aus Italien konzentriert, darunter Abgüsse von Michelangelo und Ghiberti. Raum 46b, bekannt als „Nördlicher Hof“, zeigt Werke aus anderen europäischen Ländern, wie die Abgüsse des Pórtico de la Gloria und deutscher sowie französischer Architektur.

Über die Jahre wurden die Cast Courts mehrfach restauriert, zuletzt in 2018. Damals umfassten die Restaurierungen die Reinigung und Ausbesserung der Abgüsse sowie die Verbesserung der Beleuchtung, um Details besser hervorzuheben.

Queen Victoria und das Feigenblatt

Eine der bekanntesten Anekdoten rund um die Cast Courts betrifft die Statue von Michelangelos David und ein kurioses Detail: ein abnehmbares Feigenblatt. Als der Abguss von David 1857 im Museum ankam, wurde schnell klar, dass die Nacktheit der Skulptur bei einigen Mitgliedern der viktorianischen Gesellschaft Anstoß erregen könnte.

Es wird erzählt, dass Queen Victoria bei ihrem ersten Besuch in den Cast Courts über die Darstellung der nackten Statue schockiert war. Daraufhin ließ man ein großes Feigenblatt aus Gips anfertigen, das strategisch so angebracht werden konnte, dass es Davids Intimbereich bedeckte. Das Feigenblatt wurde an Haken befestigt und konnte bei Bedarf abgenommen werden – etwa für Kunststudenten, die die Skulptur studierten.

Die Bedeutung der Cast Courts

Im 19. Jahrhundert waren die Cast Courts von zentraler Bedeutung für Bildung, Kunst und Design. Sie wurden geschaffen, um Künstlern, Handwerkern und Studenten den Zugang zu bedeutenden Kunstwerken zu ermöglichen, die sonst nur schwer oder gar nicht erreichbar waren. Abgüsse galten damals als wertvolle Studienobjekte, da sie es ermöglichten, Details und Dimensionen berühmter Werke aus nächster Nähe zu erforschen. Dies war besonders in einer Zeit wichtig, in der internationale Reisen aufwendig und teuer waren und Fotografien nicht die Präzision der Abgüsse bieten konnten.

Mit der Zeit verlor die Sammlung jedoch an Bedeutung. Der Fortschritt in der Fotografie, die wachsende Zugänglichkeit von Originalwerken durch verbesserte Reisemöglichkeiten und die zunehmende Wertschätzung für Originalität gegenüber Reproduktionen führten dazu, dass Abgüsse als weniger wichtig angesehen wurden. In vielen Museen wurden Gipsabgüsse sogar entfernt oder eingelagert, da sie nicht mehr den aktuellen Vorstellungen von musealer Präsentation entsprachen.

Doch in den letzten Jahrzehnten erlebten die Cast Courts eine Renaissance. Heute gelten sie als besonders wertvoll und das aus mehreren Gründen:

  1. Historische Dokumentation: Einige der Originalwerke, die für die Abgüsse verwendet wurden, haben im Laufe der Zeit Schäden erlitten oder sind sogar verloren gegangen. Die Abgüsse bewahren daher den Zustand der Werke, wie sie im 19. Jahrhundert existierten, und dienen als wichtige historische Referenzen.
  2. Kulturelle Vielfalt an einem Ort: Die Cast Courts ermöglichen es, Meisterwerke aus verschiedenen Kulturen und Epochen an einem Ort zu sehen. Sie zeigen eine beeindruckende Bandbreite an Kunst und Architektur, die von der Antike bis zur Renaissance reicht.
  3. Einzigartige Sammlung: Die Cast Courts des V&A gehören zu den wenigen verbliebenen Sammlungen dieser Art weltweit und sind eine der umfangreichsten und best-erhaltenen.

Ich bin immer wieder fasziniert von der Fülle an Abdrücken, die teilweise eng an eng in den Räumen stehen. Tiefe Bewunderung gepaart mit Neugier und Dankbarkeit, dass dieser besondere Ort erhalten und restauriert wurde. Aus eigener Erfahrung kann ich nur empfehlen, immer mal wieder vorbei zu schauen, denn je nach Wetter wirken die Kunstwerke anders (je nachdem, ob der Raum lichtdurchflutet ist oder nicht). Auch immer mal einen anderen Weg zu nehmen oder die Abdrücke aus der Vogelperspektive anzusehen, wird dir immer wieder neue Details und Eindrücke bringen.

Bonus: Das weltweit erste Museums-Café

Das V&A ist ein Ort, an dem du dich immer wieder für sehr lange Zeit aufhalten kannst, denn die Sammlung ist riesig. Der Garten lädt im Sommer zum kleinen Picknick ein, es gibt mehrere Cafés vor Ort. Und drei besondere Räume zählen in meinen Augen zu den schönsten Caféräumen in ganz Londons.

Und diese Räume sind nicht nur aufwändig und opulent eingerichtet, sie sind auch das weltweit erste Museumscafé. Die Refreshment Rooms wurden in den 1860ern unter der Leitung des Gründungsdirektors Henry Cole eingerichtet, um Besuchern nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch gastronomische Annehmlichkeiten zu bieten. Cole erkannte die Bedeutung von Verpflegungsmöglichkeiten bereits während der Great Exhibition von 1851 und wollte dieses Konzept im Museum fortführen.

Die ursprüngliche Refreshment Rooms wurde 1856 als provisorische Struktur errichtet und 1867 wieder abgerissen; sie waren auch nicht sonderlich beliebt. Eine Zeitung beschrieb sie als „hidiously ugly“ (abscheulich hässlich). An ihrer Stelle entstanden drei neue Räume, die 1868 eröffnet wurden: der Gamble Room, der Poynter Room und der Morris Room. Jeder dieser Räume wurde von verschiedenen Künstlern und Designern gestaltet und zeichnet sich durch einzigartige dekorative Elemente aus.

  • Gamble Room: Ursprünglich als Centre Refreshment Room bekannt, wurde dieser Raum von James Gamble entworfen. Die Wände und Säulen sind mit farbenfrohen Keramikfliesen bedeckt, und die Decke besteht aus emaillierten Eisenplatten. Die luxuriösen Materialien sollten nicht nur beeindrucken, sondern waren auch praktisch, da sie feuerfest und leicht zu reinigen waren.
  • Poynter Room: Östlich des Gamble Rooms gelegen, wurde dieser Raum von Edward J. Poynter gestaltet und diente als Grillraum. Ein offener Grill aus Gusseisen dominierte eine Wand, und die Wände sind mit glasierten Keramiken verziert, die Szenen der vier Jahreszeiten und der zwölf Monate darstellen.
  • Morris Room: Dieser Raum wurde von Philip Webb und William Morris entworfen und zeigt elisabethanische Einflüsse. Die unteren Wandbereiche sind mit Holz verkleidet, darüber befinden sich Gemälde von Früchten und Figuren sowie ein Stuckfries und Buntglasfenster von Edward Burne-Jones.

Nützliches für deinen Besuch

  • Die Cast Courts und die schönen Caféräume befinden sich im V&A Museum in South Kensington
  • Öffnungszeiten, besondere Events und Führungen kannst du auf der Webseite des V&A nachlesen.
  • Der Eintritt ins Museum ist kostenlos, die Sonderausstellungen kosten, Spenden sind willkommen
  • Die nächste Tube Station ist South Kensington