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Anfang 2018 wurde ich auf einen Künstler aufmerksam, der auf Dingen malt, die er zuvor auf der Strasse gefunden hat. Sein Name ist Sean Worrall. Mit bunten Farben malt er hauptsächlich Sterne und Blätter. Die malt er auf Dinge, die er gefunden hat und hängt seine Kunstwerke nach Vollendung wieder zurück auf die Strasse. Wer immer eins seiner Bilder findet, darf es behalten. Diese Idee hat mich total beeindruckt. Ich finde es toll, dass er alte Holzstücke oder Leinwände, Dinge, die andere weggeworfen haben, in etwas Schönes verwandelt. Außerdem finde ich es großartig Menschen zu finden, die etwas für andere tun, einfach nur so, ohne Geld dafür zu verlangen.

Ich musste den Künstler kontaktieren! Ich hatte so viele Fragen an Sean über die Motivation für seine „Art Drops“. Was für eine tolle Überraschung, als mich Sean einlud ihn beim Art Dropping zu begleiten. „To drop something“ bedeutet übrigens, etwas fallen zu lassen.

Als Treffpunkt machten wir die Liverpool Street Station aus. Sean ist kein Fan von Frühstück (dazu wollte ich ihn eigentlich einladen), aber als Künstler arbeitet er die ganze Nacht. Daher trafen wir uns gegen 12 Uhr. Ich war unsicher, ob ich ihn überhaupt finden bzw. erkennen würde, denn es gibt kaum Fotos von ihm online. Wie viele Künstler – und vor allem die Street Art Künstler – ist es ihm lieber, wenn sein Gesicht nicht online ist. Aber es war einfach ihn zu finden.

Wir begannen unsere Tour durch das East End von London auf der Suche nach den perfekten Stellen, um die Kunstwerke aufzuhängen, die Sean an diesem Tag dabei hatte. Nach mehreren Stunden Laufen, Unterhalten und dem „Droppen“ von Kunstwerken haben wir uns ein paar wohl verdiente Drinks in einer Bar auf der Brick Lane gegönnt.

Sean ist eine ganz besondere Persönlichkeit und es war mir wirklich eine große Ehre, dass ich ihn an diesem Tag begleiten durfte. Bist du jetzt neugierig auf diesen Künstler? Dann viel Spaß beim Interview mit ihm! Das Original Interview habe ich auf Englisch mit ihm gemacht, wechsel auf die englische Version dieses Posts, wenn du lieber die Original Aussagen von Sean lesen möchtest. 

Interview mit dem Künstler Sean Worrall

Hi Sean, schön dich kennen zu lernen! Danke, dass ich dich heute begleiten darf und dass du mir dieses Interview für Totally-London gibst. 

Wollen wir mit einem Intro über dich starten? Bist du in London geboren?

Nein, ich komme aus Wales. Ich wuchs in Wales, Anglesey, auf und kam runter nach London, um Ende der 1980er auf eine Kunsthochschule zu gehen. Und dann bin ich geblieben.

Was hat London zu der Zeit besonders gemacht?

Als ich hierher kam war es billig. Ich war hier auf einer Kunsthochschule, danach war ich pleite, ich habe viel mit Bands gearbeitet und habe Album Cover bemalt und so und der billigste Platz, den ich zum Leben finden konnte, war eine billige Wohnung in Tottenham. London war ein aufregender Ort, ein Ort wo viele Künstler arbeiteten, wo viele Bands spielten. Es war wie ein großer Spielplatz und ein aufregender Ort zum Leben. Das East End von London war lebendig mit Künstlern und Musikern – keiner sonst wollte hier wirklich leben, es gab so viele leer stehende Gebäude in denen man kreative Dinge tun konnte. Es gab keine Coffee Shops or Lokale, außer den Curryhäusern auf der Brick Lane. Es war wie eine große leere Leinwand. Ein aufregender Ort zum Leben, Malen, zum Arbeiten mit Bands, um mein Plattenlabel zu gründen, um Auftritte zu organisieren. Also bin ich einfach hier geblieben. Ich hatte nie vor zu bleiben, aber ich bin es einfach.

Was hältst du von London nach all den Jahren in denen du hier lebst?

Ich hatte nie eine Leidenschaft für London, ich war auch nie wirklich interessiert an London. Ich kam von Wales, ich hatte all meine Kunst oben im Norden gemacht, in Manchester, Liverpool, Orten wie diesen. Ich wuchs im Norden von Wales auf. Ich kam nur hierher, weil ich hier an einer Kunstschule aufgenommen wurde.

Ich sehe mich selber auch nicht als Londoner, ich sehe mich immer noch als Besucher, ein „Northener“. Meine Begeisterung für Musik kommt aus dem Norden, auch mein Fussball Verein kommt von dort. Wenn ich überall auf der Welt leben könnte, würde ich vermutlich in den walisischen Bergen wohnen und ich würde sie malen, den Himmel malen und das Meer.

Die Kunst, die ich gerade mache, gibt es weil ich in London lebe. Meine Kunst basiert auf dem was ich an einem Ort sehe und fühle. Im Moment kommt meine Kunst aus Hackney und Ost-London, eine Spiegelung, eine Reaktion auf das, was hier passiert. Hackney ist ein Stadtteil, in dem Sean lebt. Ich kann hier keine Landschaften malen. Ich male was ich auf den Strassen sehe. Ich habe gelernt bestimmte Aspekte Londons zu lieben, ich habe gelernt die Menschen, die hier leben zu lieben und zu respektieren. Besonders hier in Ost-London finde ich es enttäuschend, dass die, die erst kürzlich nach London gekommen sind, die Ortsansässigen verdrängen. Sie respektieren deren Gemeinschaft, deren Orte, deren Pubs einfach nicht. Sie übernehmen einfach alles in einer sehr respektlosen Art und Weise. Ich weiß nicht, ob ich London liebe, aber ich mag es hier zu sein. Ich fühle mich fast wie ein Teil davon, immerhin habe ich mehr als die Hälfte meines Lebens hier gelebt.

Erzähl mal von deinem #365ArtDrops18 Konzept

Das erste einjährige Art Drop Projekt habe ich in 2015 gemacht. Ich hatte schon viele Jahre auf Dingen gemalt, die ich auf der Strasse gefunden hatte und habe die Kunstwerke dann zurück auf die Strasse gegeben, so dass Leute sie mitnehmen konnten. Aber ich hatte bis 2015 nie daran gedacht, das als eine einjährige Kunstarbeit zu machen. Ich sehe das zweite einjährige Kunstwerk namens #365ArtDrop18 als eine große Arbeit an, die aus 365 Teilen besteht. Auch die Menschen, die die Kunstwerke finden und damit interagieren, sind Teil davon. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt für mich. Die Menschen, die den Hashtag nutzen und die Fotos der Arbeiten, die sie gefunden haben, auf Social Media posten. Hoffentlich Fotos mit den Findern selbst und ihren Kunstwerken und nicht nur von den Kunstwerken selbst. Es ist immer gut die Menschen zu sehen, die sich ein Stück Kunst ausgesucht haben, um eine Idee zu kriegen, wer sie sind und wohin die Kunstwerke gekommen sind.

Das hat sich in 2015 ergeben, ich habe die Interaktion sehr genossen, das Feedback. Ich hatte nichts davon erwartet. Es geht nicht darum, dass die Leute sagen ‚oh du bist toll, ich liebe deine Arbeit‘ und all das. Es geht um die Stories, die von den Leuten zurückkommen, das und das Herausfinden wohin die Kunstwerke gekommen sind.

Was sind die besten Stories, die bisher zurückgekommen sind?

Ich habe eine tolle Email von einer Frau bekommen, eine wirklich lange Nachricht. Ihr Sohn war erst wenige Tage zuvor gestorben, als sie eins meiner Stücke in einem Bahnhof in Birmingham gefunden hat. Seitdem stehen wir in Kontakt. Für sie war es ein Zeichen, dass ihr Sohn ok ist. Sie schrieb mir diese persönliche Email und erzählte, wie sehr sie das Bild getröstet hat.

Dann gibt es da noch eine tolle Story über Schüler, deren Kunstlehrer eins meiner Gemälde gefunden hat und dann haben sie ihre eigenen Art Drops als Schulprojekt gemacht. Ich kriege so viele unterschiedliche Stories. Ein Koch aus San Francisco, Leute aus New York, aus Canada, Deutschland, Israel, Schweden, Irland. Ein Mitglied des Londoner Symphonie Orchesters hat gleich mehrere meiner Stücke in ihrem Garten hängen und sie hat mich eingeladen, sie mal live zu hören.

Es gab diese Email samt Foto von einem Mann aus Australien, der mit seiner Tocher nach London kam, um ihr zu zeigen, woher ihre Familie stammt. Sie haben eins meiner Werke nahe dem Haus gefunden aus dem sie stammen. Es hängt jetzt in ihrem Garten in Syndey. Ich mag die Idee, dass Blätter in Gärten hängen…

All diese großartigen Stories kommen zurück. Das gefällt mir so gut. Es macht mir Spaß den Geschichten der Menschen zuzuhören. Ich mag auch, dass ich den Leuten zeigen kann, dass Kunst nicht teuer sein muss. Dass jeder involviert sein kann, durch das Sammeln von Kunst, dass man ein Teil davon sein kann. Es muss nicht immer in einer Kunstgallerie sein, mit einem teuren Preisschild dran, Kunst muss nicht immer an einer weißen Wand in einer Gallerie stattfinden. Jeder kann Original-Kunstwerke sammeln.

Also, ich habe das Original  #365ArtDrop erstmalig in 2015 gemacht, 365 Gemälde in einem Jahr und dann gab es mehrere kleinere Art Drops in den beiden Jahren dazwischen. Und am Anfang diesen Jahres dachte ich, ich muss dieses 365 einjährige Ding noch einmal machen. Das erste Mal hat mir solchen Spaß gemacht und auch dieses Mal gefällt es mir wieder sehr.

Wie viele Gemälde hast du dieses Jahr schon verteilt?

Bisher habe ich noch nicht so viel aufgehangen, weil das Wetter einfach so schlecht war. Ich habe Angst, dass wenn ich ein Gemälde an eine Wand hänge, dass es vom Wind weggeweht werden könnte und dabei jemand verletzen könnte. Ich will nicht, dass so etwas passiert. Daher habe ich bisher erst 40 Stück verteilt. Aber ich habe einen großen Stapel Gemälde in meinem Studio, die alle darauf warten auf die Strasse zu flüchten. Ich werde mehr machen, wenn der Sommer kommt. Es geht auch nicht darum, jeden Tag ein Bild aufzuhängen, es geht darum 365 innerhalb eines Jahres zu verteilen. Sobald das Wetter besser wird, werde ich mit einer Tasche voller Gemälde losziehen. Ich werde in den Westen von London gehen oder nach Folkestone oder Brighton oder irgendwo anders hin und dann werde ich mehrere Bilder an einem Tag verteilen.

Weißt du, wo genau deine Kunst überall hingelangt?

In diesem Jahr weiß ich bisher, dass ein Gemälde nach Belgien gegangen ist und ein anderes nach Deutschland… Manchmal bekomme ich umgehendes Feedback, manchmal erst Monate später. Man weiß das nie genau. Ich schätze am Ende des Jahres werde ich vom Schicksal von ca. 1/4 aller Gemälde gehört haben. Von den anderen habe ich dann keine Idee, was mit ihnen geschehen ist. Ich schätze, einige werden sicherlich weggeworfen, aber hoffentlich finden viele ein Zuhause und man achtet auf sie.

Die Sterne und Blätter – sind die dein Markenzeichen?

Das verändert sich die ganze Zeit. Einige Leute denken sie sind Herzen. Ich habe sie nie als Herzen angesehen, aber es ist ok, wenn sie das für andere sind. Einige nennen sie auch Blätterherzen. Wenn die Menschen Herzen sehen, ist das schön, es gibt hier kein richtig oder falsch. Ich sehe Blätter, ich denke, dass ich neue Schichten von Blättern auf etwas Altes male. Im Moment haben alle meiner Gemälde, auch die großen Stücke, die an Gallerien gehen, Blätter. Blätter sind mein Ding derzeit. Ich male Schichten von Blättern, die Sterne sind Blätter, Schichten von Blätter, es geht um neue Schichten über alten Schichten, Neuentstehung, Sternblätter, Blätterherzen. Darum geht es bei Street Art wirklich, um neue Schichten von Farbe und um Leben auf alten langweiligen Wänden.

Auf welche Art von Street Art stehst du?

Hochglanz Street Art gefällt mir nicht. Darum geht es mir nicht und das will ich auch nicht wirklich sehen. Ich liebe Schichten übereinander. Ich mag lebendige Wände mit Street Art, die entstanden ist, weil mehrere Künstler etwas hinzugefügt haben. Jemand hat etwas gemalt und dann hat jemand anderes etwas dazugefügt, die Wand hat sich entwickelt. Ich mag Wände, von denen sich Aufkleber ablösen, wo die Farbe abblättert, neue Energie, Schichten von Street Art und unterschiedliche Eindrücke von unterschiedlichen Menschen. Ich sehe meine Blätter als etwas, das auf etwas anderem wächst. Frische Schichten, frischer Blättewuchs auf alten Wänden, einem altem Stück Holz, neue Farbe über alten Kunstwerken.

Mit welchen Materialien arbeitest du?

Ich arbeite mit Dingen, die die Menschen auf die Strasse geworfen haben. Es muss etwas sein, das ich dort gefunden habe, oder in einem großen Container, oder ein kaputter Rahmen auf der Rückseite einer alten Gallerie. Ich liebe die Vorstellung, dass ich etwas rette, was sonst auf der Müllhalde gelandet wäre.  Meine Regel für die Art Drops ist, dass ich auf keiner Leinwand malen darf, die ich gekauft habe. Es muss gefundenes, nicht mehr gewolltes, recyceltes Material sein. Erst kürzlich habe ich auf einem Stück eines alten Plastikkühlschranks gemalt..

Ich liebe Acrylfarbe, ich liebe es auf große Leinwände zu malen, breite Pinselarbeiten. Das mag ich lieber als alles andere. Ich male viele der größeren Motive in meinem Studio, ich nutze auch viel Sprayfarbe, aber meistens arbeite ich mit einem klassischen Pinsel und frischer Acrylfarbe. Meistens male ich auf großen Leinwandstücken, aber es macht auch riesigen Spaß z.B. alte abgenutzte Türen auf der Strasse zu finden und die dann ins Studio zu ziehen, um darauf zu malen. Oder auch eine gerissene Leinwand zu finden, die jemand entsorgt hat, die dann zu flicken und mit dem weiter zu arbeiten, was bereits auf der Leinwand war. Ich schraube und repariere dauernd an alten übermalten Leinwänden und so herum.

Fast logisch, dass sich Sean auch gut in der Stree Art Szene im East End auskennt.

An einem Gebäude in Shoreditch zeigt er mir „RIP Robbo“ und erklärt:

Robbo war einer der ersten Graffiti Künstler in London, damals als auch Banksy gerade startete. Robbo und Banksy hatten einen fortwährenden Streit. Haben über die Arbeiten des anderen gemalt und so. Leider ist Robbo vor ein paar Jahren verstorben, daher wurde das Stück an dem wir gerade vorbei laufen, zu seinen Ehren gemalt und jeder weiß, dass es niemals übermalt werden sollte. Team Robbo war seine Gang voller Street Art Künstler. Robbo wurde ursprünglich berühmt als er ein aktiver Arsenal Fussbald Fan war, denn er hat bei Auswärtsspielen einfach seinen Namen hingesprayt. Das ist auch wie Englischer Graffiti entstanden ist. Es war ursprünglich ein Fussball Ding, aber auch ein Punk Rock oder Hip-Hop Ding, unterschiedliche Fussballfans, die ihre Namen und Symbole hinterlassen haben, die dann zu Signaturen wurden. Robbo hat einige sehr kraftvolle Pop Art ähnliche Graffiti geschaffen, bevor er verstarb.

Über das Malen auf bestehenden Street Art Kunstwerken

In dem Moment, wo du deine Street Art raus auf die Strasse gibst, wenn du dich entscheidest auf der Strasse zu malen, dann hast du deine Arbeit hergegeben. Sie gehört dir nicht länger und man darf nicht zu sehr daran hängen. Die Leuten sollten die Arbeit anderer zwar respektieren, aber hey, du kannst nicht erwarten, dass es für immer da sein wird. Es gab eine Zeit, da wurde auf oder über andere Kunstwerke nur gemalt bzw. hinzugefügt, wenn man dachte, man kann etwas besser konnte als der ursprüngliche Künstler. Aber heutzutage gibt es so unfassbar viel Street Art, die nicht respektvoll ist. Viele schlechte, fast kindische Graffitis und einige wirklich nervende Paste-Ups (Paste-Ups sind aufgeklebte Bilder). Es ist zu einfach geworden, das selbe langweilige, im Computer erzeugte und schlechte Design über ein wirkliches Kunstwerk zu kleben. In London gibt es im Moment ein oder zwei wirklich nervige Paste-Up Künstler.

Über das Verkaufen von Street Art

Manchmal tauchen meine Art Drops in Kunstgallerien auf und dann haben sie auf einmal Preisschilder dran und das alles, ohne dass jemand um meine Erlaubnis gefragt hat. Aber dann denke ich, es ist nicht an mir zu entscheiden, was die Leute mit den Kunstwerken machen, die sie finden. Ich habe die Kunst auf der Strasse gelassen, wenn sie jemand findet und dann an eine Gallerie verkauft, dann soll das so sein. In dem Moment wo du etwas auf die Strasse gibst, musst du es loslassen. Wenn du mich nach den Wänden fragst auf die Leute wie Banksy gemalt haben und die abgebaut und verkauft werden – naja, wenn du auf jemandes Wand malt und demjenigen gehört die Wand, ich schätze dann wird das Kunstwerk Eigentum von dem, dem die Wand gehört.

Street Art sollte ganz sicher nicht nur dazu da sein, um Geld zu verdienen. Es ging primär darum an Gallerien vorbei zu kommen und die Leute zu erreichen, die nie in eine Gallerie gehen würden oder die zu erreichen, die nie in einer Gallerie ausstellen würden. Es ging darum mit denen ins Gespräch zu kommen, die in der Stadt leben in der du malst. Mit Sicherheit ist Street Artist keine Karriere-Option. Ich selbst sehe mich übrigens nicht als Street Artist. Ich habe Wände bemalt, ich habe auf der Strasse gemalt, vieles davon zu einer Zeit wo es noch keine Social Media gab, aber ich bezeichne mich selbst nicht als Street Artist.

Mir geht es nicht darum, dass Street Art geschützt wird, sie sollte sich entwickeln und verändern, andere Leute sollten drübermalen.

Was mich annervt ist, wenn jemand ein Foto von einem Kunstwerk macht und dieses Foto dann als Druck verkauft, ohne dass der Künstler genannt und bezahlt wird. Ich denke, das ist ein bisschen böse. Die Leute sollten sich gegenseitig richtig und fair behandeln und die Künstler respektieren…

Was ist mit Modefirmen, die Street Art Kunstwerke für ihre Kampagnen nutzen, ohne den Künstler dafür zu bezahlen?

Ich habe mir diesen speziellen Fall von H&M nicht wirklich angesehen, aber ich finde da läuft was richtig verkehrt bei Leuten wie H&M sowohl moralisch als auch rechtlich. Sowas ist mir auch schon oft passiert. Wenn ein Modelabel ein Kunstwerk nutzt, das ein Künstler auf eine Wand gemalt hat und das dann in einem Design verwendet, dann ist das sehr sehr falsch. Wenn jemand ein einmaliges Kunstwerk verkauft, das an seiner Wand war, damit habe ich kein wirkliches Problem. Allerdings habe ich ein großes Problem damit, wenn Modelabels oder Designhäuser oder – wie in meinem Fall – ein Tapetenhersteller einfach ein Kunstwerk nehmen und damit in die Massenproduktion gehen, dann Geld damit verdienen, ohne dass es eine Vereinbarung mit dem Künstler gibt, von dem sie „gestohlen“ haben.

Ich habe auch ein großes Problem mit Street Art Künstlern, die nur ein Stück auf der Strasse malen, damit sie damit ihre neue Ausstellung in einer Gallerie promoten können. Und die limited edition überteueren Druckversionen des Kunstwerks, die dann im Verkauf in der Gallerie landen, nachdem man die bemalte Wand als öffentlichkeitswirksamen Stunt in Social Media gepostet hat, das alles reduziert das Kunstwerk zu nichts weiter als eine Werbung für eine Printveröffentlichung. Ich dachte immer, dass Street Art ein bisschen mehr Punk Roll sein muss, bei bisschen mehr Hardcore. Viel Street Art ist heutzutage sehr konservativ geworden. Sehr sicher und läuft Gefahr nichts weiter als ein Geschäftsmodell zu werden. Es gibt so viel langweilige Street Art heutzutage.

Wie hat sich das East End in den letzten Jahren verändert?

Das East End verändert sich immer, aber es wird grade ein wenig zu viel. Es wird immer schwerer hier als Künstler zu existieren, außer man ist eins der reichen Kinder. Wir haben weltberühmte Kunststrassen wie die Vyner Street oder die Redchurch Street verloren. Wir haben viele der  DIY von Künstlern geführten Gallerien und Gegenden wie Hackney Wick verloren. Die Leute werden raus-gentrifiziert, die Mieten steigen, Studios werden zerstört. Es gab vor 5 oder 6 Jahren noch 15 Galerien in der Vyner Street, dann begann die Gentrifizierung rund um die Olympischen Spiele in 2012…

Ich hatte eine Gallerie in der Vyner Street, wir wurden rausgeworfen damit man das Gebäude abreißen konnte. Dann hat man Wohnungen gebaut, die sich keiner aus Ost-London leisten kann.

Damals waren die Hauseigentümer froh, wenn sie Künstler im Haus wohnen hatten, denn das bedeutete, dass sich jemand um das Gebäude kümmerte. Man konnte für günstige Preise mieten und dann Ausstellungen veranstalten. Mittlerweile kann man nichts mehr mieten. Selbst wenn es noch Plätze gäbe, die nicht in Coffee Shops und arrogante Cafes umgebaut wurden, aber in denen sind die örtlichen East End Leute nicht mehr wirklich willkommen. Die neuen Menschen, die hierher ziehen, müssen die Orte an sich und die Menschen, die hier leben, mehr respektieren.

Die Zusammenarbeit von ROA und Jim Vision in Shoreditch

Es ist verschwunden. Normalerweise werden Street Art Werke, die jeder mag, respektiert. Ich weiß nicht, was an der Wand passiert ist oder wer das Gemälde übermalt hat. Der ROA Igel war da für bestimmt 5 Jahre und hat sich ständig entwickelt, weil andere drumrum gemalt haben. Manchmal sehr respektvoll, manchmal auch nicht. Ich versuche nicht zu sehr an Street Art zu hängen. Ich glaube es ist wichtig, sie zu dokumentieren, aber Dinge sollten sich jederzeit entwickeln. Ich bin eine großer Fan von ROA, aber es scheint als ob er grade nicht so aktiv ist in London. Noch vor einiger Zeit war er der aufregendste Künstler hier in der Gegend. Ich mag sehr, was er in Galerien macht. Ich brauche mehr ROA.

Über weibliche Street Art Künstlerinnen

Es gibt einige Frauen, die in London auf Wänden malen, das ist gut. Natürlich passiert es manchmal, dass man nicht weiß ob jemand ein Er oder eine Sie ist, z.B. bei Mad C. Aber am Ende spielt das Geschlecht des Künstlers auch keine Rolle.

Street Art ist so ein Ego Ding. Sein Kunstwerk raus auf die Strasse zu geben und zu sagen „hier, sieh mich an, schau zu mir, mir, mir“, das ist eher ein männliches Ding. Es gibt einige großartige weibliche Street Art Künstlerinnen, aber wie gesagt, ein Künstler ist ein Künstler.

Eine meiner liebsten Künstlerinnen ist Swoon. Sie stammt aus New York und ihre Paste-Ups sind wirklich aufregend. Ich schätze, man würde sie heutzutage eher als zeitgenössische Künstlerin ansehen. Sie hat sich dahin entwickelt, eine großartige Künstlerin, die der Strasse irgendwie entwachsen ist. Aber sie ist eine meiner Liebsten. Ich liebe ihre Arbeit. Aber ich kann nicht wirklich erklären warum.

Lass mal überlegen, ich mag Mad C wirklich sehr. Ihre Wände und ihr Einsatz von Farben ist immer aufregend. In London gibt es noch Aida Wilde, sie überzeugt mit ihren Paste-Ups und ihrer Einstellung. Kut ist auch gut, sie malt in einer sehr stylischen Art und Weise. Derzeit sind viele meiner Lieblingskünstler weiblich, sowohl in der Street Art Szene als auch in zeitgenössischer Kunst. Leute wie Emma Harvey, Julia Maddison, Megan Pickering, Vesna Parchet…

Wie findest du den perfekten Ort für einen Art Drop?

Ich berücksichtige immer den Hintergrund, die Farben und die Struktur der Wand sind mir sehr wichtig. In den letzten Wochen habe ich viel in orange und gelb und rot gemalt. Ich versuche immer mit hellen Farben zu arbeiten und ich suche die Wände an die ich die Kunstwerke hänge, sehr sorgfältig aus. Die Farben sollen sich nicht mit den Wänden beißen. Ich bin sehr pingelig was die Wände angeht. Und es tut einfach gut, ab und zu mal ein wenig Farbe in die grauen Strassen von London zu bringen.

Der einzige Street Artist von dem ich wirklich weiß, dass er in Hackney geboren wurde und der die ganzen Zeit hier gelebt hat, ist Charlie McFarley. Ich schätze er ist in seinen 30ern oder vielleicht sogar älter, aber seine Kunstwerke sind immer sehr leuchtend. Er sagt, das kommt daher, dass er im grauen Schmutz des Londoner East End aufgewachsen ist. Er hat immer leuchtende Farben als Kind genutzt und macht einfach weiter damit.

Über Art Dropping in anderen Städten

Ich verlasse London kaum. Ich bin ein Workaholic, abhängig vom Malen. Ich bleibe die ganze Zeit in meinem Studio – ich liebe es einfach zu Malen! Ich male den ganzen Tag und ich male die ganze Nacht, ich male jeden einzelnen Tag. Ich brauche keinen Urlaub oder muss mal raus und andere Orte erleben, weil es einfach so viel in London zu entdecken gibt. Ab und zu fahre ich mal ans Meer, um ein wenig zu erholen. Manchmal lasse ich meine Kunswerke in anderen britischen Städten, in Folkestone oder Brighton oder Hastings. Ich mag Tagesausflüge ans Meer. Eines Tages gehe ich vielleicht mal zum Art Dropping nach Berlin.. Aber ich schätze ich bin ein Londoner geworden..

Was hältst du von Marmite?

Ich habe keine wirkliche Meinung zu Marmite. Ich liebe es nicht, aber ich hasse es auch nicht. Hass ist ein sehr starkes Wort. Es gibt nur wenige Dinge, die ich wirklich hasse. Mit Marmite kann man gut kochen. Man kann es in eine Suppe tun oder so. Ich mag braune Farbe allerdings nicht. Reicht das als Antwort?

Es gibt Menschen, die essen Marmite auf ihrem Brot…

Gott, ja (er hört sich geschockt an), aber ich mag Marmite nicht wirklich…

Monty’s Bar auf der Brick Lane

Wir beenden unsere Tour in Monty’s Bar auf der Brick Lane und Sean erklärt:

Viele Street Art Künstler hängen hier ab und stellen ihre Arbeiten aus. Oft sie die Leute hinter der Bar selbst Künstler. Es gibt sogar einen kleinen Ausstellungsraum unten. Man trifft hier oft den einen oder anderen Künstler …

Folge Sean Worrall in Social Media

Wenn du wissen willst, wo Sean seine Kunstwerke aufhängt – bedenke dass #365ArtDrop noch bis zum Jahresende läuft – dann folge ihm auf Instagram und Facebook. Dran denken: wenn du eins seiner Kunstwerke gefunden hast, gib ihm Bescheid wohin du das Bild nehmen wirst.

Wenn du eine Abkürzung zu deinem eigenen Sean Worrall Kunstwerk brauchst – kaufe dir eins in seinem Shop. Er verschickt international.

Vielen Dank, lieber Sean, dass ich dich begleiten durfte! Es war ein toller Tag! Dank dir fallen mir das ganze weggeworfene Holz und alte Bilderrahmen auf Londons Strassen auf. Jedes Mal, wenn ich einen sehe, denke ich an dich und frage mich, wie du das Stück in Kunst verwandeln würdest.  

* ich habe für diesen Post und die Nennung/Verlinkung des darin vorkommenden Künstlers/Marken/Orte kein Honorar oder Vergünstigungen bekommen. Mit der Kennzeichnung „Werbung“ erfülle ich aber die neuesten gesetzlichen Vorgaben.

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