Eine neue Ausgabe “Meet the Londoner” und heute mit dem Fotografen Jan Enkelmann. Den kennst du ggf. schon, denn er hat gerade eine Kickstarter Kampagne am Start, die helfen soll, seine unfassbar guten Fotos aus London während des Lockdowns in ein Buch zu packen. Ich habe die Fotos gesehen, war begeistert und wollte mehr über ihn erfahren. Daher freue ich mich besonders, dass er heute Gast im Interview ist. Viel Spaß beim Lesen!

Wer ist Jan Enkelmann?

Der persönliche Hintergrund

Mein Name ist Jan Enkelmann. Ich bin Fotograf und Grafikdesigner. Ich komme ursprünglich aus Stuttgart, lebe aber mittlerweile schon seit 20 Jahren in London. Ich bin mit Maren verheiratet und wir haben zwei Söhne, Miles (12) und Huey (8). Sie sind richtige Londoner Jungen, wachsen aber zweisprachig auf und haben auch eine Verbindung nach Deutschland.

Warum bist du nach Großbritannien gekommen?

Meine Familie hatte Freunde in Nord-Yorkshire und daher habe ich England regelmäßig mit meinen Eltern besucht. Wir sind oft durch London gekommen und so lernte ich die Stadt lieben. Im Jahr 2000 nutzte ich die Gelegenheit hier für eine Branding- und Design-Agentur zu arbeiten. Ich kam nach London mit dem Plan, für ein Jahr zu bleiben. Nach 20 Jahren bin ich immer noch hier.

Wo genau lebst du?

Ich lebe in Tulse Hill. Das ist im Süden Londons, irgendwo zwischen Brixton, Streatham und Dulwich.

Wann hast du angefangen Fotos zu machen?

Mein Vater ist auch Fotograf und ich bekam meine erste Kamera zu meinem sechsten Geburtstag.

Und wann wurde ein Beruf daraus?

Im Jahr 2005 reisten meine Freundin (die jetzt meine Frau ist) und ich um die Welt und haben unsere Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen, die wir auf diesem Weg kennen gelernt haben, in ein Reisefotobuch umgesetzt, das dann weltweit veröffentlicht wurde. Das war ein Wendepunkt, an dem ich dachte, hey, das macht mir wirklich Spaß. Heute teile ich meine Zeit zwischen Fotografie und Grafikdesign auf.

Was ist dein Lieblingsmotiv?

Mein aktuelles Projekt ist ein Dokumentationsprojekt, das ich während des jüngsten Lockdowns gedreht habe und das Szenen aus dem menschenleeren London zeigt. Das ist jedoch nicht gerade typisch für das, was ich normalerweise mache. Normalerweise bin ich viel mehr daran interessiert, Menschen zu fotografieren.
Ich arbeite an einem Langzeit-Dokumentationsprojekt über die Menschen, die sich jeden Sonntag am Speaker’s Corner im Hyde Park versammeln. Ein anderes Projekt, an dem ich schon eine ganze Weile arbeite, heißt Smoking Chefs. Es handelt sich um eine Serie, die Köche von Restaurants in Chinatown bei ihrer Zigarettenpause festhält. Ich habe auch Menschen auf ihrem Weg zu den großen englischen Pferderennen in Ascot, Epsom, Cheltenham und so weiter dokumentiert. Meine Arbeit ist irgendwo zwischen Dokumentar- und Straßenfotografie angesiedelt.

Woher nimmst du deine Inspriration?

Das ist eine gute Frage. Ich liebe es, Menschen zu beobachten, und dazu gibt es in London eine Menge Gelegenheit. Früher habe ich viel Reisefotografie auf der ganzen Welt gemacht. Aber seit ich Kinder habe und das Reisen etwas schwieriger geworden ist, habe ich angefangen, interessante Projekte zu finden, die etwas näher an zu Hause sind.

Über dein Kickstarter Project “Pause”

Warum hast du angefangen Fotos vom verwaisten London zu machen?

Schon vor dem Lockdown war ich abends mit dem Fahrrad unterwegs, nur um zu trainieren. Die meiste Zeit nur in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Aber an dem Abend, als Boris Johnson den Leuten offiziell sagte, sie sollten zu Hause bleiben, fuhr ich mit dem Fahrrad durch Westminster. Alles war bereits menschenleer, und es waren nur wenige Taxis und Busse unterwegs. Es war unheimlich und faszinierend.
Während der Sperrstunde fuhr ich weiter mit dem Fahrrad, und nach ein paar Tagen beschloss ich, dass es nicht schaden würde, die Kamera auf diese Fahrten mitzunehmen. So fing es an. Ich wollte die Orte dokumentieren, die normalerweise voller Menschen, jetzt aber völlig menschenleer waren.
Wenn ich mir meine Bilder jetzt ansehe, habe ich jedoch das Gefühl, dass es bei meinem Projekt weniger um den Mangel an menschlicher Präsenz geht, sondern vielmehr darum, Dinge wahrnehmen zu können, die man vorher nie gesehen hätte – denn normalerweise ist man durch Menschen und Verkehr abgelenkt.

Wann kam die Idee daraus ein Buch zu machen?

Ich hatte begonnen, Abzüge dieser Fotos zu verkaufen, und es stellte sich als ein unerwarteter Erfolg heraus. Nicht wenige Leute fragten, warum ich die Serie nicht in ein Buch verwandelt habe. Da ich auch Grafikdesigner bin und schon früher Fotobücher veröffentlicht hatte, war es fast eine natürliche Entwicklung, ein Buch zu machen.

Details zur Kickstarter Kampage für “Pause”

Du möchtest Jans Buch “Pause” unterstützen? Dann schau mal in die Kickstarter Kampagne rein, die noch bis Ende September läuft. Alle Infos inklusive der Belohnungen findest du auf der Kickstarter Webseite.

Jan Enkelmann über London

Was muss man in London einfach gesehen haben?

Seit dem Ausbruch der Pandemie ist es dort etwas ruhiger geworden, aber wenn man noch nie dort war, dann sollte man an einem Sonntagnachmittag den Speakers’ Corner im Hyde Park besuchen.

3 Wörter, um London zu beschreiben

Schnell, inspirierend, verändernd

Ist London eine fotogene Stadt für dich?

In den letzten 10 Jahren habe ich die meisten meiner persönlichen Arbeiten in London gemacht. Ich schätze, das spricht für sich.

Das beste Museum in London ist?

Sir John Soan’s Museum

Was hast du in London am meisten fotografiert?

Speakers’ Corner und Chinatown.

Wohin gehst du für ein nettes Mittagessen?

Der Brixton Village Market hat viele kleine, unabhängige Restaurants. Dort gibt es ein paar alte Favoriten wie das Original Franco-Manca-Pizzarestaurant, aber auch viele neue Orte, die es zu entdecken gilt. Langweilig wird es nie.

Dein Lieblingscafé?

Gail’s Bakery, Dulwich Village

Lustiges über Jan Enkelmann

Gin Tonic oder Pimm’s?

Gin Tonic

Wann kommt die Milch in den Tee?

Milch zuerst, das ist doch offensichtlich

Lieblings-Tube-Line?

Victoria Line

Deine Lieblingsfarbe?

Orange

Bester Party Song?

Outkast, Hey Ya!

Der beste Ratschlag, den du bekommen hast?

Nimm den Objektivdeckel ab, bevor du ein Foto machst

Jan Enkelmann in Social Media

Infos zu Jan und seinen vergangenen und laufenden Arbeiten findest du auf seiner Webseite.  Auch auf Instagram (@janenkelmann) und Twitter (@enkelmannlondon) ist er vertreten.

Lieber Jan, danke für deine Zeit für dieses Interview! Ich freu mich schon sehr auf mein Buch mit deinen Lockdown Fotos. Viel Erfolg für die restliche Laufzeit und bis bald in London.

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