Last Updated on 10. November 2022

London und ich, das war Liebe auf den ersten Blick, damals Ende der 1990er. Noch immer ist die Stadt mein Sehnsuchtsort. Der Ort, an dem ich mich frei, glücklich und immer ein wenig cooler fühle als irgendwo sonst. Noch einmal eine längere Zeit vor Ort zu sein und hier zu leben, das steht schon lange auf meiner Wunschliste. Und im Sommer 2022 wird dieser Traum endlich Realität.

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Mein Sabbatical in London

In diesem Blogpost nehme ich dich mit zu den Planungen dieser besonderen Zeit und hier wird mein Tagebuch entstehen, das meine Erinnerungen konserviert und dich virtuell auf eine längere Reise mit nach London nimmt. Und vielleicht bietet der eine oder andere Tag auch Inspirationen für deine nächste London Reise.

Januar bis August 2022 – Die Vorbereitungen starten

Frisch aus den Weihnachtsferien zurück im Büro teile ich meine Entscheidung mit, dass ich in diesem Jahr ein Sabbatical machen möchte. Das muss mindestens 6 Monate im Voraus angekündigt werden und damit steht auch fest, dass diese Zeit auf den Sommer fallen wird. Passt mir wunderbar, denn gerade der September ist meine Lieblingszeit vor Ort.

Februar 2022 – Lasst die Planungen beginnen

Die formalen Prozesse sind gestartet und die Vorfreude beginnt. Als Fan der ausführlichen Reiseplanung wird ein neues virtuelles Whiteboard eröffnet und die ersten Kategorien angelegt. Was wollte ich schon immer mal erleben? Wo schon immer mal essen? Welche Museen fehlen mir auch nach all den vielen Jahren immer noch?

Ein erstes Event buche ich auch schon, denn eine Übernachtung im Natural History Museum steht schon so lange auf meiner Wunschliste. Ich habe ein wenig Angst, wie mein Rücken auf eine Übernachtung auf dem Boden reagiert, aber das Risiko muss ich eingehen. Denn es gibt die ganze Nacht über Filme, Bingo, Abendessen, Frühstück und sogar eine Yogastunde am Morgen. Spätestens die wird die Rücken schon wieder richten. Ein nicht ganz so günstiger Spaß, aber die Mitgliedschaft im Museum zahlt sich aus, da ich ein paar Pfund spare. Und außerdem, was ist Geld schon…

Diese Gedanken habe ich gerade seit Ende Februar immer öfter. Der Krieg in der Ukraine löst eine tiefe Krise in mir aus. Warum soll ich Geld sparen, wenn ein Krieg so nah vor der Haustür stattfindet? Warum gibt es Kriege überhaupt noch in der heutigen Zeit, haben wir nicht andere, viel wichtiger Themen?

Die Lage löst bei mir aber auch eine Art “Jetzt erst recht” Stimmung aus. Wenn nicht jetzt, wann dann ist die perfekte Zeit, um die Bucket List für London endlich abzuarbeiten? JETZT ist die Zeit, um den Moment zu genießen. Und dieses JETZT wird im September seinen Höhepunkt in London haben.

März 2022

Das Datum für meine Londonzeit steht. 4 Wochen werden es sein. 4 Wochen, um mich als Teil dieser wunderbaren Stadt zu fühlen. Eine Zeit, die bewusst gewählt wurde, denn ich möchte das Architekturfestival Open House mitnehmen und auch noch Teile vom London Month of the Dead erleben. Für beide Events steht das Programm noch nicht fest, aber ich behalte das genau im Auge.

April 2022

Wo will ich wohnen in der Zeit vor Ort? Will ich eine Wohnung für die gesamte Dauer, mich wirklich fühlen, als wenn ich dazugehören und in London leben würde? Oder doch lieber mehrere Locations ausprobieren? Die Entscheidung ist schnell getroffen, da es preislich kaum einen Unterschied macht. London ist ein teures Pflaster und ich möchte kein einfaches Doppelzimmer, sondern kleine Appartments mit Küche und Platz für Yoga und zum Texten. Denn eigentlich ist die Idee, dass in der Zeit vor Ort große Teile des Reiseführers entstehen, damit der ENDLICH mal Fortschritte macht. Ich weiß schon genau, wo ich das Buch hauptsächlich schreiben möchte.

Beim Open House 2020 habe ich zusammen mit meiner guten Freundin Sandra von A Decent Cup of Tea eine Tour in Level 39 in Canary Wharf gemacht. Ein ganz wunderbarer Coworking Space mit unglaublichen Ausblicken auf die Themse. Ich glaube, als ich hier saß, kam erstmalig der Gedanke auf, dass ein Sabbatical in London doch eine gute Idee ist. Ich sah mich hier ganz genau sitzen, mega kreativ am werkeln.

Ich schreibe Level 39 an, ob ich mir auch monatlich einen Platz mieten kann. Normalerweise vermieten sie nur längerfristig, aber ggf. machen sie eine Ausnahme für mich.

Mai 2022

Die Idee mit Level 39 ist doch vom Tisch. Ehrlicherweise werde ich kaum 4 Wochen lang brav am Tisch sitzen und tolle Texte schreiben, wenn ich in London bin. Dafür gibt es immer noch zu viel zu entdecken. Also Planänderung – die Zeit vor Ort wird zum Abarbeiten der größten London Träume genutzt, geschrieben wird dann, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin. Fühlt sich richtig an, es so zu machen.

Die Planungen schreiten immer weiter voran. Mittlerweile habe ich ein Ticket für Robbie Williams, Gary Barlow und Celeste Barber. Ich freu mich sehr, gerade über Celeste, wo ich quasi das letzte Ticket bekommen habe.

Auch die Unterkünfte stehen. Die grobe Überlegung je eine Woche in einer der Himmelsrichtungen Londons zu verbringen, war irgendwie schnell vom Tisch. Es war und ist und bleibt vermutlich für immer der Osten, der mich reizt. Hier fühle ich mich ohnehin Zuhause. Vermutlich, weil ich 2000 zur Zeit meines Studium hier auch gewohnt und gearbeitet habe. Es werden drei unterschiedliche Orte, für die finale Woche ist es noch offen.

Juni 2022

Ich muss strategischer vorgehen. Listen erstellen mit Museen, die noch fehlen. Orten, wo ich essen will. Schaffe ich ggf. jeden Abend ein Musical oder Theaterstück? Hmmm, will ich wirklich alles vorplanen? Klar, einige Events muss man schnell zusagen, weil sie sonst ausverkauft sind. Aber ich werde versuchen, mich auch mehr im “Treiben lassen” zu üben. Dann mache ich meistens die besten Entdeckungen.

Juli 2022

Chaos an nahezu allen Flughäfen und British Airways kündigt an, Kurzstreckenflüge zu annulieren. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen. Ich MUSS Anfang September nach London, denn bereits am ersten Abend habe ich ein Event gebucht. Ich buche also parallel ein Zugticket und freunde mich mit der Idee an, ganz gediegen endlich mal mit dem Eurostar nach St. Pancras einzufahren. Eigentlich ist es schon lange ein Traum, dann auch im St. Pancras Renaissance Hotel abzusteigen, dann aber natürlich in dem Zimmer, wo einen der Page am Bahnsteig abholt und Champager zur Begrüßung reicht. Dekadent, ich weiß, aber irgendwie auch geil. Aber das Hotel ist teuer.. Muss ich noch überlegen…

Mitte Juli überwiegt der “man lebt nur ein Mal” Gedanke und zur Abreise werde ich mir ein Zimmer im Wunschhotel gönnen. Hört sich nach einem stilvollen Ende meines Sabbaticals an. Ich glaube ich investiere auch in eine Spa Behandlung, je nachdem wie anstrengend die Wochen in London waren…

Ende Juli wird London außerplanmäßig mein Kraftort. Der Tod von einem der Hunde und der von meinem Opa haben mich sehr traurig gemacht. Ich brauche Abstand, um Kräfte zu sammeln. Das geht nirgends besser als in London. Bei bestem Sommerwetter hake ich schon einige Dinge ab, die für die Sabbaticalzeit auf der Wunschliste standen: Das Summer Opening im Buckingham Palace, die Jubilee Ausstellung im Kensington Palace, ein Open Air Musical im Regent’s Park und saugute Pizza in The Jam. Der Plan geht auf. Erholt, entspannt und gestärkt komme ich aus London zurück, um die letzten Arbeitswochen zu bestreiten.

Ich merke, dass die Vorfreude auf die Auszeit auch dazu führt, dass ich mich nicht mehr über alles aufrege, was beruflich passiert. Lohnt sich wirklich jeder Kampf zu kämpfen? Eher nicht.

August 2022

Wie aufgeregt kann man bitte sein? Es sind noch über 5 Wochen und ich würde am liebsten sofort los. Ich fang schon mal an, die Tickets auszudrucken und die Infos aus dem Mural Board in ein Worddokument zu überführen, damit ich es ebenfalls ausdrucken und mitnehmen kann. Dieses Dokument wird mein Heiligtum und ich wette, ganz viele kriegen schon die Krise, wenn sie nur einen Blick auf die Liste werden… Aber bei mir dürfen es gerne mehrere Punkte pro Tag sein, viel Kultur, viel Input, viel Neues, ich liebe das. So lade ich meine Akkus auf und werde kreativ.

Immer mehr Events für die Zeit ab September werden veröffentlicht. An den ersten Tagen entsteht die Qual der Wahl. Was will ich wirklich machen? Was kann ich gut kombinieren und was wandert auf die Bucket List für die Zeit nach dem Sabbatical?

Ich möchte auch einige Tage außerhalb Londons verbringen:

  • Brighton habe ich ewig nicht besucht und hier muss ich mir die Street Art Szene mal genauer betrachten. Auch den Royal Pavillion will ich endlich von der Liste streichen. Die Fotos sind umwerfend und ich kann kaum erwarten, ihn live zu sehen. Auch eine Yogastunde im British Airways i360 möchte ich gerne besuchen. Hier warte ich auf die Rückmeldung der Yogalehrerin, wann die September Session stattfinden wird.
  • In Bath möchte ich das House of Frankenstein besuchen. Wenn ich schon mal da bin, werde ich auch die Roman Bath noch mal besichtigen, beim letzten Besuch war nur ein kurzer Aufenthalt drin, weil ich auf einer Kombitour mit Stonehenge war.
  • Whithby steht schon ewig auf der Wunschliste, ist aber leider auch weit weg von London. Ggf. plane ich einen Zwischenstop in York oder Nottingham ein. Aber als großer Dracula Fan habe ich großes Verlangen diesen Ort zu besuchen. Mal sehen, ob es klappt.

Ich melde mich für ein Abseil Event Mitte September als Charity Fundraising an. Fühlt sich gut an, dass ich was Cooles tue – mich vom Dach des St. Thomas’ Hospital abzuseilen – und dabei Gelder für das Krankenhaus sammeln kann.

Immer mehr Treffen mit netten Menschen aus meiner Facebook Gruppe werden geplant. Ich liebe die Gemeinschaft dort, jede/r versteht einfach immer sofort, warum ich London so toll finde und wir feiern die Stadt konstant gemeinsam ab.

September 2022 – London, here I come

Der gelobte Monat ist endlich da. Sobald ich nur an das Wort London denke, bekomme ich Herzklopfen. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, wenn man so total aufgeregt ist. Die letzten Arbeitstage laufen und sind ruhig. Alle Übergaben sind gut vorbereitet. Die Unterkünfte sind bezahlt, die ersten Stapel an Klamotten und anderen Dingen liegen herum und eine to-do Liste gibt es auch. An so viele Dinge will ich denken. Gummistiefel fürs Mudlarking – ich hoffe so sehr endlich mal eine alte Pfeiffe zu finden. Schlafsack für die Nacht im Museum….

Die Reiseplanung ist so gut wie abgeschlossen und die Tage teilweise sehr voll gepackt. Vermutlich werde ich Whitby gar nicht mehr unterkriegen, ich brauche die Zeit einfach vor Ort. Ich bin gespannt, wie gut der Plan funktionieren wird.

Das Motto der nächsten Wochen ist “London is calling, so I must go”.

KW 36 – Anreise, Trauer um die Queen & Twickenham

05. September – erster Sabbaticaltag

Der erste Tag des Sabbaticals! Endlich ist die Zeit gekommen. Als die Planungen im Januar gestartet sind, kam es mir noch so unfassbar lange vor. Dann kamen einige krasse Monate und jetzt darf es endlich losgehen. Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen, weil ich geträumt habe, dass die Bahn mal wieder alles gibt und ich schon den ersten Anschlusszug nach Brüssel verpasse. Bin kurz versucht, schon eine Nacht früher nach Frankfurt zu fahren, um das Risiko zu minimieren. Aber ich will nicht Geld für Hotel und ein neues Zugticket ausgeben, nur weil man den Zügen nicht mehr vertraut. Außerdem denke ich, dass ich nicht die erste Person sein bin, die ggf. einen Eurostar verpasst. Es werden noch mehrere Züge fahren, da sollte ein Umbuchen klappen. Wäre zwar uncool, weil natürlich am ersten Tag schon Events geplant sind, aber es wird schon alles gutgehen.

08. September 2022 – Die Queen ist tot

Jetzt ist alles gepackt und ich bin so bereit und dann kommt die traurige Nachricht, dass Queen Elizabeth II gestorben ist. Natürlich ist das im Alter von über 90 keine große Überraschung, aber dennoch bin ich sehr traurig. Sie war wie eine Oma, ein Grund, warum ich lange Zeit gerne Britin gewesen wäre. Ich habe sie sehr bewundert und bin jetzt zwiegespalten. Ich habe oft gehofft, dass ich zu dieser besonderen und traurigen Zeit auch vor Ort sein kann. Das ist jetzt der Fall. Vermutlich werde ich mich morgen schon zum Buckingham Palace begeben und Blumen niederlegen. Ggf. kann ich meine letzte Ehre erweisen und an ihrem Sarg vorbeigehen.

Aber – Großbritannien geht in Trauerphase und das kann meine Pläne ganz schön durcheinander wirbeln. In vermutlich 10 Tagen wird die Beerdigung sein. Bis dahin ist es denkbar, dass viele meiner Events abgesagt werden. Mal sehen, was ich erleben kann und werde.

09. September 2022 – Anreise & Ankunft in Dalston

Ja, die Bahn macht die Anreise nach London mal wieder anstrengend und nervig. Bis Frankfurt läuft noch alles ohne Probleme und ich sitze auch schon im zweiten, gerade angekoppelten, Zugteil nach Brüssel, als die Durchsage kommt, dass der Zug einen Defekt hat und alle wieder aussteigen muss. Bitte was?! Dieser Zugteil ist ja gerade erst eingefahren…Also alle raus und in den hinteren Teil nach Amsterdam. Was das bringen soll und bis wo wir mitfahren, weiß keiner. Das Bahnpersonal auch schon maximal genervt von den vielen Fragen der Fahrgäste… In Köln Ehrenfeld ist erst mal Umsteigen angesagt. Köln selbst kann aufgrund eines massiven Stellwerkschadens gar nicht angefahren werden, aber es sollen Busse nach Brüssel kommen… Die sind – Überraschung – nicht da und wir müssen alle auf den nächsten Zug warten. Der Bahnhof Köln Ehrenfeld ist jetzt leider nicht besonders groß, d.h. sich dort mit Essen und Trinken zu versorgen, ist gering. Am Bahnsteig erkennen zwei Briten zurück auf dem Weg in die Heimat meine Jubilee Tasche und sprechen mich an. Sie haben den Eurostar um 16 Uhr und sind noch einigermaßen entspannt. Wenn die wüssten…Denn auch der neue Zug hat massive Verspätungen und wir sind erst gegen 15 Uhr in Brüssel. Beim Eurostar geht dann alles vorbildlich tadellos. Ohne Probleme werde ich mit “yet another one from Germany” auf den 16 Uhr Zug umgebucht und kann sofort einchecken und einsteigen.

Und dann kurze Zeit später – welcome back! Ach, ist das schön in St Pancras einzufahren. Mit dem Koffer auf die Leuchtschrift “I want my time with you” zuzulaufen und zu denken, genau, ich will diese Zeit mit dir, du wundervolle Stadt und jetzt sofort beginnt sie.

Dennoch bin ich ein wenig genervt und angespannt, weil die 4 Stunden Verspätung meine Pläne doch ein wenig verwirbeln. Das für heute geplante Theaterstück muss ich leider ausfallen lassen. Netterweise hat mir das Theater aber einen Gutschein ausgestellt, so dass zumindest das Geld nicht verloren ist.

In der Station hat sich fast jeder Shop zum Tod der Queen angepasst, Tribute und Fotos in den Schaufenstern, die Cover der Zeitungen kennen nur ein Thema (das wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern), selbst vor den Eingängen der Tube stehen Banner mit “It is with great sorrow that we have learnt of the death of Her Majesty Queen Elizabeth II. We send our deepest sympathy to His Majesty the King and all members of the Royal Family”. Ich schlendere kurz mit Absicht in die falsche Richtung im Bahnhof, um das Gewusel mitzunehmen. Dem Klavierspieler kurz zu lauschen, den ersten von vielen bunten Globen bestauen, die als Teil mehrerer Trails in ganz London die Geschichter schwarzer Londoner thematisieren.

Dann geht es auf in den Osten der Stadt nach Dalston. Das Kingsland Locke liegt zentral wenige Fußminuten von der Overground Station entfernt und ist eins der modernsten Häuser auf der Hauptstraße. Dennoch passt es hierher. Zwar nervt der intensive Vanillegeschmack im Eingangsbereich wieder ein wenig, aber sie bieten 2x die Woche kostenlos Yoga auf der Dachterasse an, haben eine Bar und Restaurant und die Lage könnte nicht besser sein. Ich kenne Dalston nur wenig, daher freue ich mich besonders, diese Gegend mehr zu erkunden. Mein kleines Appartment hat ein Doppelbett, danaben ein herunterklappbarer kleiner Schreibtisch. Gegenüber vom Bett befindet sich die Küchenzeile und der große TV. Das Badezimmer ist riesig, da für Rollstuhlfahrer geeignet. Hatte ich nicht gebucht, weil ich das nicht brauche, aber dennoch gut zu wissen, dass die hier barrierefreie Zimmer anbieten.

Aber erst mal Abendessen. Bei “Mildred’s” gibt es ein leckeres vegetarisches Essen. Dann entdecke ich die erste Street Art von Fat Cap Sprays (ein Hund mit Sonnenbrille), freue mich darüber, dass es bei Marks&Spencer den leckeren Pornstar Martinin auch endlich in Flaschen gibt und sehe die ersten Reportagen über die Queen. Ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Tage noch kommen wird.

Was ich in der ersten Nacht im neuen Bett träume, weiß ich gar nicht mehr so genau. Vermutlich etwas mit einer perfekten Zeit in London, viel Sonne und tollen Abenteuern. Was soll ich sagen? Ist alles in Erfüllung gegangen.

10. September 2022 – Blumen am Palast & Kirkaldy’s Testing Museum

Ian und Jeremy von “All on the board” zaubern seit Jahren wunderbare Aufsteller für die Tube. Von motivierenden Sprüchen hin zur täglichen Dosis Lachen ist alles dabei. Und zu besonderen Zeiten kreieren sie eben auch besondere Ausgaben. Jetzt haben sie eins zu Ehren der Queen geschaffen. Das steht an ihrer Homebase, der North Greenwich Station. Also ist das mein erste Punkt für heute früh.

Wenn ich schon mal hier bin, prüfe ich auch mal gleich, ob die Seilbahn ihre Optik schon geändert hat. Der 10-jährige Sponsorenvertrag mit Emirates ist nämlich ausgelaufen und ab sofort heißt es IFS Cloud Cable Car. Die Station und auch die Wagons sehen aber alle noch aus wie immer, vermutlich startet das Rebranding erst noch.

Aber schön, mal wieder in der Gegend zu sein, denn “Quick Tide” von Felipe Pantone habe ich auch noch nicht gesehen. Der hat die Treppen und den höhergelegenen Weg in bunten Farben verziert. Gefällt mir sehr gut. Überhaupt finde ich, dass das Redevelopment auf der Greenwich Peninsula sehr gelungen ist. Ich mag den Mix an Baustilen, alles ist bunt, der Design District lockt zusätzlich kreative Menschen hierher, das Outlet Icon in der O2 Arena lohnt sich und den ehemaligen Millennium Dome habe ich sowieso ins Herz geschlossen.

Von hier aus fahre ich an den Buckingham Palace. Zwar habe ich keine Blumen oder sonstige Souvenirs, die ich ablegen möchte, aber dennoch möchte ich da sein und so Abschied nehmen. Vor den Toren liegen schon sehr viele Blumengestecke und es werden minütlich mehr. Ich sehe sogar eine große Krone aus lila und grünen Blüten, die von den Polizisten abgelegt wird. Denn der Palast ist schon abgesperrt und ans Gatter kommt man schon nicht mehr ran. Es gibt auch die ersten Schilder, dass Blumen, Kerzen und Andenken ab sofort in den benachbarten Green Park gebracht werden sollen. Ich hadere kurz mit mir, ob man ein Selfie vor dem B.Palace machen sollte bzw. darf und entscheide mich dafür. Schaue aber auch andächtig ernst.

Wenn man auf The Mall schaut, sieht man schon die ersten Absperrungen und Hütten für TV Stationen. Die Vorbereitungen für die nächsten Tage, die Überführung des Sarges aus Schottland, der Transport in die Westminster Hall, die letzte Fahrt zurück nach Windsor, alles ist bereits im Gange.

Im Green Park ist ein besonderer Bereich für die “Floral Tributes” geschaffen worden. Abgesperrt können die Trauernden aus der ganzen Welt eintreten und ihre letzten Grüße niederlegen. Obwohl es noch früh am Morgen ist, ist schon gut was los. Minütlich kommen mehr Menschen. Ich höre viele Sprachen, viele Touristen lassen sich das Abschiednehmen nicht entgehen. Die ersten Fernsehsender berichten und ich glaube, alle wussten, dass hier etwas Großes passiert. Dass aber so viele Menschen und so unfassbar viele Blumen zusammenkommen werden, damit hatte wohl keiner gerechnet.

Ich mache mich zurück in Richtung Piccadilly, vorbei an vielen Schaufenstern in denen Kondolenzgrüße ausgestellt sind. Bei Hatchards (einer Buchhandlung) sind die Schaufenster komplett leer, mit schwarz ausgelegt und haben lediglich ein Foto der Queen und Beileidsbekundungen auf kleinen Tafeln. Die Stadt trauert und nahezu jeder Shop, jede Kette, Restaurant, Bank, Kinos… machen ihre Trauer öffentlich. Die wenigen, die nichts zeigen, kommen mir irgendwie komisch vor.

Über Leicester Square schlendere ich zum Cecil Court, der kleinen Gasse, die angeblich Inspiration für die Harry Potter Bücher war. Hier drängen sich Antiquitäten- und Buchshops aneinander und die Kunsthandlung “Panter & Hall” weckt mein Interesse, weil sie ein Kunstwerk im Schaufenster stehen haben, das mir sehr gefällt. Auf einer alten Buchseite ist die junge Queen im roten Kleid abgedruckt. Preislich ok, vielleicht hole ich mir das als Erinnerung an diese bewunderswerte Frau und meine Zeit vor Ort.

Wenn ich schon mal hier bin, darf ein kurzer Schlender durch Goodwin’s Court, eine enge kleine Gasse, die J.K.Rowling wohl auch für die Harry Potter Bücher inspriert hat, nicht fehlen. Ich mag es hier, weil hier noch alte Laternen stehen, sich die kleinen Fensterscheiben der Backsteinhäuser bauchig nach außen wölben und sich ein Spaziergang hier immer wie eine Zeitreise ins viktorianische London anfühlt.

Am Trafalgar Square checke ich kurz, was sich auf der 4th Plinth so tut. Hier steht der nächste Wechsel des Kunstwerks an und ich erlebe den Sockel das erste Mal komplett leer. Dann kann das neue Kunstwerk ja kommen..

Dann startet mein erster geplanter Programmpunkt für heute. Ein Besuch im “Kirkaldys Testing & Experimenting works”. Das fällt eindeutig unter die Rubrik Außenseitermuseum. Erbaut 1874 von David Kirkaldy hat er hier einen Ort geschaffen, wo erstmalig Konstruktionsmaterial (Beton, Stahl..) auf seine Lastenstärke getestet werden konnte. Wann verbiegt sich Stahl? Welche Lasten nutzen Beton ab etc. Auf der geführten Tour bin ich eine von 3 Besuchern, keine Engineurin und habe keinerlei Verbindung zum Thema. Außer, dass ich meine Londoner Museenliste weiter abarbeite. Dennoch irgendwie spannend die ganzen Maschinen zu sehen, die er entwickelt hat, vor allem das Herzstück der Ausstellung: eine riesige Maschine, die 300 Tonnen Last simulieren konnte. Die beiden Rentner Voluntäre führen gut durch das Gebäude, erklären zu jeder Maschine, was sie kann und am Ende durfte ich sogar einen dieser weißen Streifen zum Reißen bringen, die man um Pakete wickelt. Ja, selbst dafür gab es eine Maschine…

Weiter geht es nach Brixton, dort habe ich mir einen Walk für die Märkte gebucht. Zwar war ich schon in Brixton, aber ich mag das Insiderwissen, das man auf solchen geführten Touren mitbekommt. Und davon kriege ich einiges mit. Sehr gute Tour, Highlight ist das große Mural “Nuclear Dawn” von Brian Barnes und Dale McCrea. Nicht nur, dass ich meine Sammlung an Mural vergrößere, es ist vermutlich auch das einzige, auf dem King Charles III zu sehen ist. Als das Wandgemälde 1981 angefertigt wurde, war der natürlich noch Prinz und hatte auch noch schwarze Haare. Dennoch amüsiert mich das.

Das heutige Abendprogramm findet quasi gegenüber von meinem Hotel statt. Im EarTH tritt Sofie Hagen auf. Kurzweilig und lustig. Primär aber gebucht, weil ich diese Location erleben wollte, nachdem ich in einem Crowdfunding einen Sitz gesponsert habe. Jetzt bin ich froh über mein Invest, ist eine kleine aber coole Veranstaltungshalle.

11.09.2022 – Ham House, Marble Hill House, Eel Pie Museum & Celeste Barber

Heute wird ein voller Tag.

Startpunkt für die heutige Planung ist der Eel Pie Walk samt Besuch im gleichnamigen Museum am Nachmittag. Ich habe geprüft, was sich davor und danach noch in der Gegend befindet und habe dann alles zusammenstellt.

Ich fahre nach Kingston und schlendere hier erst mal durch die Gegend. Grobes Ziel ist das Ham House, aber das öffnet erst um 12, daher kann ich mich bis dahin treiben lassen. Kirchen, Street Art, schöne Häuser, hier gibt es alles. Dazu Sonnenschein und blauer Himmel. Vorbei an der Poppy Factory (hier werden Anstecker für den Remembrance Day am 11.11.gefertigt) lande ich im Terrace Garden. Der kommt mir bekannt vor. Ein Blick auf mein Notizbuch sagt, dass es hier tatsächlich ein Cafe gibt, das ich schon lange ausprobieren will. Perfektes Timining, denn ein kleines Frühstück kommt jetzt wie gerufen. Das Hollyhock sieht ein wenig verwunschen aus, fast wie ein Zwergen- oder Feenhaus. Ein Vorbau als rustikalen Holzstämmen, die alle krumm und blau gestrichen sind. Die Terrasse ist voll. Hundbesitzer und Familien, Freunde oder Menschen, die alleine ihre Ruhe haben wollen. Hier scheint ein beliebter Treffpunkt zu sein und ich kann verstehen, warum. Oberhalb vom Garten gelegen, mitten im Grünen, immer wieder kommen Eichhörnchen vorbei, ist es hier ruhig und entspannt. Der Cappucino schmeckt auch. Ich erkunde den Rest vom Garten und laufe zurück an den Fluss. Dem Verlauf folge ich noch ein paar Minuten und das erste Mal seit langer Zeit atme ich mal wieder richtig durch. Als ob eine große Last von den Schultern gefallen ist. Fühlt sich gut an.

Nach ein paar Minuten lande ich im Ham House and Garden. Das Haus hat noch geschlossen, aber so kann ich in Ruhe den Garten erkunden und stehe pünktlich um 12 mit einigen Rentnern vor dem Einlass ins Herrenhaus.

Ein schöner Ort. Viel dunkles Holz, aufwändige Schnitzereien an den Treppen und Türen, ein Schachbrettboden, der von der oberhalb liegenden Round Gallery besonders gut zu bewundern ist, aufwändig dekorierte Zimmer mit Bildern, Kaminen und Deckengemälden. Auch einen Blick in die Küche kann man werfen. Alle Räume sind komplett eingerichtet. Werde zum Ham House noch einen separaten Post machen, aber ich empfehle den Besuch schon jetzt.

Für den nächsten Programmpunkt muss ich auf die andere Seite vom Fluss. Wie praktisch, dass es da eine kleine Fähre gibt. Die Hammerton Ferry ist in wenigen Minuten vom Ham House erreicht und bringt mich für ein Pfund auf die andere Uferseite. Wichtig zu wissen: Ab 13 Uhr machen die Jungs Mittagspause. Habe ich grade noch so geschafft.

Als nächstes besuche ich das Marble Hill House. Mich hätte die Grotte im Garten sehr gereizt, aber die wird gerade restauriert, also laufe ich direkt hoch zum Haupthaus. Ein unscheinbares Gebäude in creme-weiß. Innen komplett eingerichtet mit Möbeln und Geschirr. Wenn man vor Ort ist, sollte man das nicht verpassen. Im ehemaligen Stall befindet sich heute ein Cafe und ich kann ein kleines Mittag einnehmen (Gin Tonic und ein Toast mit Salat).

Weiter geht es zum Eel Pie Museum, wo der Walk startet. Ich gestehe, ich hatte keine Ahnung, was Eel Pie Island so besonders macht bzw in den 1960ern gemacht hat. Aber hier wurde Musikgeschichte geschrieben, allerdings von Bands, die nicht so meins sind: Rolling Stones, The Who…Die anfängliche Angst, dass das Museum und die passende Tour in der Gegend nur die 60er abdeckt und mich so gar nichts anspricht, tritt nicht ein. Wir erkunden die Gegend samt Kirche wo Teile der ersten Bridgerton Staffel gedreht wurden, schlendern durch Twickenham, stehen vor der Brücke, die die Insel (Eel Pie Island) mit dem Festland verbindet (ein Besuch der Insel ist nicht Teil der Führung) und landen als Abschluss im Garten des York House, wo dieser unfassbar schöne Brunnen mit acht weißen Marmornyphen “The Oceanides” schon lange auf meiner Bucket List stand. Endlich auch abgehakt. Mega!

Noch ein letzter Punkt wartet in Twickenham auf mich und dafür schlendere ich am Fluss entlang. Dort hat die Flut einige Biergärten unter Wasser gesetzt und es wird eigentlich nur noch skurriler, als Menschen im Kajak bei ihrem Pub vorfahren, während im Hintergrund die Alarmanlage eines im Wasser geparkten Autos losgeht und Schwäne ganz entspannt an allen vorbeipaddeln.

Das Orleans House wollte ich vor allem wegen dem Octagon Room sehen. Ein sehr aufwändig ausgestatteter Raum mit golden-hellblauer Decke, opulenten Verzierungen an den Fenstern und Schachbrettboden.

Zurück in London habe ich noch Zeit, bis Celeste Barber um 20 Uhr im Palladium beginnt und die nutze ich mit einem Besuch im Leake Street Tunnel. Der lohnt sich ja immer. Als einer der wenigen Orte, wo man legal sprayen darf, gibt es hier täglich was Neues zu sehen. Ich habe Glück und sehe noch ein neues, bisher ungetaggtes Gemälde zu Ehren der Queen. Schon in wenigen Tagen ist das komplett übermalt.

Die Karte für Celeste Barber im Palladium war echt teuer und meine Erwartungen groß. Ich finde ihre Arbeit auf Instagram unfassbar gut und witzig. In echt war ich enttäuscht. Ich fand sie überhaupt nicht lustig. Von den Qualen weil ihr Mann zu Covidzeiten zu viel Körperkontakt wollte – glaube ich ihr auch nicht, weil sie den ja immer als “hot husband” bezeichnet, hin zu den Strapazen des Muttersein – worüber auch nur alle Mütter lachen konnten – bis zu ihrem Selbstversuch im Lockdown Medikamente selber abzusetzen – und ja genau, das war keine gute Idee…, war sonst kaum was dabei, was an ihre Instagram Sketche erinnert. Leider war die Karte ihr Geld nicht wert. Aber nicht schlimm, weil der Tag auch so unfassbar gut war.

KW 37 – Museen, Kunst, Friedhöfe, Musicals & Mudlarking

12.09.2022 – Dalston, Kew Garden, &Juliet

Ich schlendere durch Dalston und suche meine Frühstückslocation. Auf dem Weg komme ich aber am “Dark Arts Coffee” vorbei – ok da muss ich was holen, schon weil der Name cool ist. Der Almond Croissant geht leider gar nicht – wer macht denn in sowas Pudding rein?! Wer macht überhaupt Pudding irgendwo rein?! Aber egal, der Cappuchino ist ok.

Schön auch, dass ich meinen ersten “Brickflats” finde. Ein Künstler ersetzt fehlende Ziegelsteine mit welchen aus Hartplastik, in die er kleine Figuren eingearbeitet hat. In diesem hier sitzt der Bücherwurm, der auf kleinstem Raum viel Bücher um sich gesammelt hat.

Dann endlich die geplante Frühstücksadresse: Die Dusty Knuckly Bakery. In einem Hinterhof gelegen esse ich hier mitten in der Backstube (wo man auch Backkurse machen kann) einen perfekten Frühstücksbun – eine Mischung aus Brioche und Croissant. Innen weich, außen knusprig, mit Zimt und Zucker umhüllt. Sehr süß und klebrig und sehr gut.

Gestärkt geht es mit der Overground raus nach Kew Gardens. Dort bin ich um 10.15 Uhr mit Daniela aus meiner Facebook Gruppe verabredet. Sie ist Mitglied im botanischen Garten und kann mich als Gast kostenlos mitnehmen. Wir schlendern los und planen unsere Route so, dass ich um 11 Uhr die Pagoda besteigen kann. Dafür braucht man ein separates Ticket, das zeitgebunden ist. Mehrere Stockwerke geht es zu Fuß nach oben, dann hat man eine tolle Aussicht über den Garten und erkennt in der Ferne die Hochhäuser Londons.

Wieder unten treffen wir die Kew Garden Katze, einen Pfau, besuchen die neue Ausstellung “When Flowers dream” von Pip & Pop, die pastellfarbige Girlanden, Lampen und Installationen erschaffen haben, die alle ein wenig nach Zuckerwatte und Marshmellows aussehen. Irgendwie will man reinbeißen – darf man aber natürlich nicht. Mein persönliches Highlight ist ein Besuch der Marianne North Gallery. Die hatte ich bisher noch nicht gesehen, aber schon so viel von den Gemälden gehört. Und sie sind in echt auch so umwerfend wie gedacht. Man darf drin keine Fotos machen, aber stell dir Räume vor, die dicht an dicht mit gerahmten Bildern vollhängen, die alle von North gemalt wurden, als sie die Kontinente besuchte und Flora und Fauna bewunderte. Über 800 Gemälde hat sie produziert.

Ein Besuch im Kew Palace rundet den Besuch ab.

Zurück in Central London wird es Zeit die aktuelle Street Art in Shoreditch und entlang der Brick Lane zu erkunden. Dabei vergesse ich wirklich die Zeit. Es ist immer wieder schön, alte Stücke zu sehen, die immer noch da sind und die neuen Kunstwerke zu analysieren. Gerade heute sind viele Queen Memorial Paste-Ups und Stencils zu sehen. Finde ich gut, dass man auch so von ihr Abschied nimmt.

Für heute Abend habe ich mir spontan eine Karte fürs Musical geholt. “&Juliet” stand schon länger auf meiner Wunschliste und was soll ich sagen – ich LIEBE das Stück. Was wäre, wenn Julia nicht gestorben, sondern mit ihrer Anstandsdame einfach die Zeit ihres Lebens hätte? Moderne Songs, u.a. von Katy Perry “Roar” lassen die Gedanken rund um female empowerment wunderbar aufkommen.

13.09.2022 – Mudlarking, Fulham Palace, Flower Tribute im Green Park

Der heutige Tag beginnt mit einer Yogastunde auf dem Dach meines Hotel. Bissl frisch noch, aber wunderbar zum Aufwachen und die Aussicht ist großartig!

Frühstück gibt es heute in “The Factory” in Dalston. Das Cafe macht schon um 8 Uhr auf, die restlichen Räume (Shops, Büros, Entertainment) sind noch geschlossen. Generell mag ich den Ansatz aber sehr, dass man unterschiedliche Konzepte unter einem Dach vereint.

Dann geht es raus nach Putney. Der September in London hat viele Festivals zu bieten, u.a. Totally Thames, wo es viele Aktionen auf und rund um den Fluss gibt. Ich habe mich zu einer Mudlarking Tour angemeldet. Ich habe zwar eine Lizenz und könnte auch jederzeit alleine los, aber ich bin immer froh, wenn ich eine neue Gegend in einer Gruppe erkunden kann und nebenbei erfährt man auch immer noch was. Einen großen Schatz finde ich nicht, aber immerhin Reste von Mundstücken alter Clay Pipes. Quasi Vorgängern der heutigen Zigaretten. Einwegpfeiffen, die nach dem Aufrauchen einfach in den Fluss geworfen wurden. Der Spaziergang wird durch heftigen Regen ein wenig anstregend, aber es wird der einzige Regen in meiner ganzen Zeit sein, der mich wirklich nervt…

Trocken gelegt und mit wieder sauberen Schuhen laufe ich weiter zum Fulham Palace. Den kenne ich zwar von außen und auch den schönen Garten habe ich schon besucht, aber drinnen war ich noch nicht und das wird heute nachgeholt.

Zurück in Central London schaue ich noch mal im Green Park vorbei. Unfassbar, wie viele Blumen mittlerweile abgelegt wurden. Fast jeder Baum ist in mehreren Reihen mit Sträßen, Kerzen, Paddington Bären und Karten verziert. Die Laternen auf The Mall sind schon mit dem Union Jack auf Halbmast geflaggt, oben auf dem Pfahl sitzen kleine Kronen, schwarze Kordel schmücken den Mast. Die Straßen sind mit Gattern versehen, Kräne mit Kameras sind in Position, die ersten Fernsehsender berichten bereits von den Vorbereitungen.

Auf dem Trafalgar Square hat ein Kreidekünstler ein großes Gemälde der Queen gemalt. Krass, wie mitgenommen die Stadt vom Tod ihrer Königin wirkt. Das zeigt sich auch später, als der Sarg der Königin im hell ausgeleuchteten Wagen vom Flughafen RAF Northolt in den Buckingham Palast überführt wird. Viele Menschen stehen an der Strecke, die das Auto nimmt oder heißen die Königin ein letztes Mal vor ihrer Londoner Residenz willkommen. Und das, obwohl es wieder stark regnet.

14.09.2022 – Brickflats, Stoke Newington & Frieze Sculpture Trail

Ich suche zwei weitere Brickflats (diese kleinen Plastiksteine, die in fehlende Backsteine eingesetzt werden), finde sie auch und mache einen ganz wunderbaren Fund: hinter einem hellblau gestrichenen Tor befindet sich der Eingang zu einem Yogacenter, das gemütlicher nicht sein könnte. Man riecht sofort die Räucherstäbchen, ein nettes Team begrüßt mich und ich bleibe erst mal im Cafe auf einen Tee. Der Stundenplan hört sich gut an und ich hoffe, dass ich eine Stunde besuchen kann, während ich hier bin. Falls nein, wandert Yogahome sofort auf meine Wunschliste.

Heute steht Stoke Newington auf dem Plan. Das ist in Laufnähe meiner Unterkunft, eine Gegend, die ich noch nicht kenne und sehenswert wegen ganz vielen Ghost Signs. Ich liebe es einfach, in London durch die Straßen zu schlendern und zu entdecken. Versteckte Street Art, coole Menschen, vergessene Werbezeichnungen an den Häusern (eben die genannten Ghost Signs) oder auch Corgis. Auf meinem Spaziergang treffe ich eine ganz besondere Kombi gleich mehrfach und beim dritten Mal grüßen wir uns dann auch schon. Ein Mann führt insgesamt 4 Corgis aus, 2 sitzen im Hundetrolly, die anderen beiden trotten an der Leine brav nebenher. So lustige Hunde…

Wenn ich schon mal vor Ort bin, nehme ich den Abney Park Cemetery auch gleich mit. Der fehlt sowieso noch in meiner Liste, denn er ist einer der Magnificent Seven. Einer von sieben viktorianischen Friedhöfen, die mit aufwändigen Grabsteinen, Mauseleen und Katakomben locken.

Zurück zu den Ghost Signs und dann zu einer Stärkung in den Clissold Park. In der Nähe eines Kletterstudios finde ich einen weiteren Brickflat, dieses Mal klettert ein organes Männchen aus dem Ziegelstein heraus. Wenn du denkst, dass ich die Brickflats alle zufällig gefunden habe, dann muss ich dich enttäuschen. Ich habe recherchiert, wo die sich befinden, mir über Google Maps die Gegend angesehen, damit ich sie schneller entdecke und bin diese Stellen dann systematisch angefahren bzw. angelaufen.

Im TV verfolge ich die Überführung des Sarges aus dem Buckingham Palast in die Westminster Hall, wo das offizielle “Lying in state” beginnen wird. Ein riesiges Aufgebot an Militär, präzise einstudierte Schritte, begleitet mit schwerer Musik und minütlichen Schlägen von Big Ben (dessen Klöppel ummantelt wurde, damit er gedämpfter klingt), wird der Sarg der Königin weitergebracht. Als der Kommentator erklärt “Passing unter the Great Arch for the last time – Queen Elizabeth II” spüre auch ich einen Kloss im Hals. Wie krass ist es, dass sie nicht mehr da ist. Nach 70 Jahren im Amt. Fast alle kennen das Leben nur mit ihr…Vielleicht gehe ich doch in die Westminster Hall und verabschiede mich persönlich…

Am Nachmittag bin ich im Regent’s Park, denn bevor die Kunstmesse Frieze im Oktober eröffnet, eröffnet heute erst mal die öffentliche und kostenlose Ausstellung mit Skulpturen im Park, die Frieze Sculpture. Bei blauem Himmel und T-Shirt Wetter Kunst entdecken – ja, das könnte definitiv schlechter kommen. Meine diesjährigen Highlights sind ein riesiger Stapel roter Kissen und mehrere Schilder, die eher sinnlose Ansagen enthalten wie “you are reading these words” und “please do not read”.

15.09.2022 – Horniman Museum, Nunhead Cemetery & Eltham Palace

Wieder Yoga auf der Dachterrasse und man merkt, dass es kühler wird. Dennoch eine gute Aufwachübung. Der Tee im Dalston Eastern Curve Garden fällt aus, weil der noch gar nicht auf hat. Aber dafür entdecke ich ein cooles Cafe in einem Second Hand Laden: H.J.Aris nahe der Dalston Junction Station ist ein vollgestellter Antikladen, der im Eingangsbereich mehrere Sofas und eine Bar stehen hat. Der Cappuccino war super und dass es eine kleine Ritterrüstung gab, war ein Bonus.

Der heutige Programmpunkt ist das Horniman Museum. Da war ich vor Jahren schon mal, finde die Fotos aber einfach nicht mehr. Also muss ich noch mal hin. Wie schon beim letzten Mal bin ich begeistert von der Aussicht im Garten auf die Hochhäuser Londons. Sky Garden und The Shard lassen sich wunderbar von hier erkennen.

Das Museum ist der 2022er Gewinner des Art Fund Museum of the Year, darauf sind sie sehr stolz. Können sie aber auch sein. Eine umfangreiche Sammlung, die die Kulturen der Menschen aus der ganzen Welt zeigt, ein Aquarium, ein Schmetterlinghaus, Skelette, ein ausgestopftes Walross und der umfangreiche Garten lassen dich hier problemlos mehrere Stunden verbringen.

Für mich geht es aber schneller weiter, denn ich habe noch einiges vor heute. Nächster Stopp: Nunhead Cemetery. Ein weiterer der Magnificent Seven. Die Kapelle ist sehr beeindruckend, wenn auch nicht zugänglich. Auch die geschützte Aussicht auf St. Paul’s Cathedral (die von bestimmten Stellen nicht zugebaut werden darf) ist nicht mehr sichtbar, weil einfach die Bäume viel zu hoch geworden sind. Dennoch schön, dass ich mal hier war.

Eltham Palace ist mein nächster Stopp. Ein wirklich beeindruckender Ort. Der ehemalige Tudor Palast wurde in den 1930ern vom Ehepaar Courtauld in den Art Deco Stil umgebaut. Hier lebten sie im puren Luxus, hatten gleich mehrere Telefone, moderne Badezimmer, einen Lemur als Haustier (mit Namen Mah-Jongg) und die große Tudor Halle wurde für Feste verwendet. Wer noch nicht da war, unbedingt hinfahren!

Zurück in London ist der Hunger groß und es gibt Pizza in Hay’s Galleria, die erstaunlich gut ist. Kurzer Schlender am Vinegar Yard vorbei, um zu sehen wie krass der Bauboom in der Nachbarschaft schon ist, dann mit dem Bus nach Hoxton, wo die Eröffnung einer Kunstausstellung wartet. “The Modest Magnificent” zeigt u.a. Werke von Otto Schade und Zabou. Letztere hat sogar live gemalt und die Tore des Ausstellungsortes verziert. Otto ist vor Ort, ist immer nett ihn mal wieder zu sehen. Da ich mich via Eventbrite für das Event angemeldet hatte (kostenlos), bekomme ich beim Einlass zwei Token für Drinks. 2 Wein aufs Haus und gute Kunst noch on top. London ist nicht immer nur teuer.

Da morgen schon der erste Wohnungswechsel ansteht, muss ich heute noch packen. Ich habe schon gefühlte 200 kg nur an Zeitungen mit Infos rund um die Queen… Puh…

16.09.2022 – Superbloom, The Queue, Roman Bath, Queer Britain, Burlesque und ein lila Shard

Tschüss Dalston und Kingsland Locke. Hier hatte ich einen guten Start und werde bestimmt wiederkommen. Die neue Unterkunft – das Rockwell East – liegt zwar sehr zentral nahe beim Tower, aber der erste Eindruck ist ein wenig unorganisiert. Als ich morgens herkomme, um mein Gepäck abzugeben, wird weder mein Name geprüft, noch ob ich überhaupt eine Reservierung habe. Mein Gepäck bekommt keine Zettel und ich kann es einfach in der Lobby abstellen. Dort ist auch ein Cafe. Ok, da ist nicht viel los und es wird mir auch versichert, dass der Empfang immer besetzt ist, aber irgendwie fühlt sich das wenig professionell an. Aber egal, ich habe keine Wahl. Das Gepäck muss hierbleiben, denn die ersten Programmpunkte warten.

Erster Stopp ist der Superbloom am Tower of London. Zum Thronjubiläum der Queen hatte man den ganzen Burggraben umgearbeitet und in ein riesiges Blumenbeet verwandelt. Da der trockene Sommer den Blumen aber arg zugesetzt hat, verlangt man seit Anfang September schon gar keinen Eintritt mehr. Sehenswert ist es aber immer noch, denn es blüht noch einiges. Die kleine Rutsche, mit der man alternativ in den Graben kommen kann, ist aufgrund der Trauerperiode um die Queen gesperrt. Aber auf die war ich sowieso nicht scharf.

Zwischen vertrockneten Gräsern blühen immer noch Sonnenblumen und schöne pinke Blumen (keine Ahnung, was die sind). Der Besuch lohnt sich also. Es ist schon mein zweiter, im Juli war ich gleich zu Beginn der Superbloom Saison vor Ort. Spannend, dass ich jetzt beide Jahreszeiten vergleichen kann.

Am gegenüberliegenden Ufer sehe ich die Schlange an Menschen, die der Queen ihre letzte Ehre erweisen sollen. Die haben alle noch ein Stück Wartezeit vor sich. Täglich wird die Schlange immer länger, da auch immer mehr Menschen vor Ort sind, die dieses Erlebnis nicht verpassen wollen. Ich hadere immer noch mit mir. Ein Teil will auch auf diese Art Abschied nehmen, aber der realistischere Teil will keine Stunden (ggf. auch in der Nacht) in kleinen Schritten vorankommen, um kurz vor dem Sarg der Queen inne zu halten…

Ich umrunde den Tower und auch hier haben die Menschen begonnen, Blumen zu Ehren der Queen abzulegen. Nur wenige, alle schön im Kreis geordnet und kein Vergleich zu den Massen, die in Hyde und Green Park liegen. Aber ich mag es, dass man an so vielen Orten an sie denkt.

Da die Tage hier immer mehr Stunden haben und ich sehr gut in der Zeit liege, ist der nächste Stopp die schöne Ruine St Dunstan in the East. Ein ganz besonderer Ort inmitten der City. Immer ruhig und entspannt. Viele kommen hierher, um ihre Pausen zu verbringen und in Ruhe ein Buch zu lesen. Ich bin immer wieder begeistert, wie London es geschafft hat, solche Ort zu retten und sie in ihrer Nutzung neu zu gestalten. Solche Ruheoasen sind gerade in London immer nötig.

Ich laufe am Embankment entlang und komme zum nächsten Programmpunkt für heute – dem Roman Bath. Das ist nur an ausgewählten Tagen zugänglich und heute ist ein solcher. Schon viele Jahre hoffe ich auf eine Chance, diese Überreste zu sehen. Es ist ein kurioser Ort, da keiner so wirklich weiß, woher es kommt. Nur, dass es nicht aus der römischen Zeit stammt, ist wohl klar. Heute betreut es der National Trust. Zu sehen gibt es ein abgerundetes Becken mit Wasser gefüllt, an den Wänden Überreste von alten Kacheln.

Von hier geht es hoch nach King’s Cross. Bei strahlend blauem Himmel schlendere ich kurz am Kanal entlang und besuche dann das neue Queer Britain Museum. Das hat erst seit wenigen Monaten geöffnet und zeigt die Geschichte und Entwicklung von queerem Leben in den letzten Jahrzehnten. Eine Anlaufstelle, für alle, die sich “anders” fühlen, ein Ort, an dem jede/r/s sein kann wie er/sie/es mag und erkennt, dass man nicht alleine ist. Aus meiner Sicht ein wichtiges Museum.

Zurück in Richtung Tower und Tower Bridge, die ich sogar geöffnet erlebe. Immer wieder faszinierend zu sehen.

Dann Einchecken. Das Appartment ist gut, geräumig und hat auch eine Waschmaschine. Habe ich bewusst so gewählt, da Wäsche langsam fällig wird.

Um 14 Uhr besuche ich die “Gunpowder Experience” erneut. Mein erster Besuch im Juli hatte mich nicht überzeugt, weil die ganze Technik nicht fehlerfrei war und ich teilweise mit den VR Brillen nichts erkannt habe. Als ich mein Feedback mit dem Anbieter geteilt habe, bot der mir an, dass ich einfach noch einmal kommen kann. Eine gute Wahl, denn dieses Mal läuft die Technik tadellos und gefühlt sind die Sequenzen auch noch länger als im Juli. Ich finde zwar noch immer, dass die Kosten sehr hoch sind, aber dennoch ist es gut umgesetzt. In der Pause erzählen die Mädels, die in meiner Gruppe sind, dass es noch eine viel bessere Virtual Reality Experience vom gleichen Anbieter gibt, “war of the worlds”. Sagt mir nichts, aber ich mache mich mal schlau. An sich finde ich es sehr spannend, was man mit VR Brillen alles erreichen kann, ohne dass sich der Mensch wirklich bewegen oder anstrengen muss.

Der finale Punkt für heute Abend ist etwas, das ich noch nie gemacht habe. Eine Burlesque Show in Brixton. Wie so oft habe ich dieses Event auf Eventbrite entdeckt. Das “The Courtesan” ist ein Restaurant und Cocktailbar, aber hinter einem separaten roten Samtvorhang nehmen die Gäste für die Show Platz. Die Dim-Sum waren sehr gut, die Show wird von einer Frau sowie von einem ehemaligen Musicalsänger gestaltet, die beiden wechseln sich mit Tanz- bzw. Gesangseinlagen ab. Die Stimmung ist ein wenig durch eine größere Gruppe gestört, die offensichtlich einen 21ten Geburtstag feiert und alle schon total voll sind, als sie ankommen. Aber ein Erlebnis war es so oder so.

Zum Abschluss gibt es noch The Shard in lilaner Spritze – zu Ehren der Queen.

17.09.2022 – Lost Boys Pizza, Anderson Shelter, War of the Worlds

Ein kleines Frühstück im White Mulberry im St Katherine’s Dock versteht sich fast schon von selbst, wenn ich in der Gegend wohne und auch auf die Tower Bridge zieht es mich wieder. Von der werde ich einfach nie genug bekommen, sie ist einfach so schön! Und schon wieder sehe ich sie beim Öffnen, dieses Mal aber als ich am Ende stehe, d.h. ich sehe die Tore, die sich schließen. So cool, denn so nah war ich noch nicht dran.

Die Schlange der Trauernden, die für das Lying-in-state in der Westminster Hall anstehen, hat Shad Thames erreicht. Eng gedrängt stehen die Menschen hinter Absperrungen entlang des Themseufers, an der Hay’s Galleria vorbei, alle auf dem Weg der Königin die letzte Ehre zu erweisen…Viele Freiwillige sorgen dafür, dass “normale” Besucher den Weg weiterhin passieren können und dass sich keiner vordrängelt. Denn “jumping the queue” geht in Großbritannien einfach gar nicht.

Das heutige Essenshighlight ist ein Ort, den ich schon sehr lange besuchen will. Und ich weiß schon jetzt, dass ich ihn einfach lieben werde. Denn es ist eine Pizzeria in Mornington Crescent, bei der sich alles um den Film “Lost Boys” mit Kiefer Sutherland dreht. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme! Ich habe das bottomless brunch gebucht, d.h. eine Pizza und Getränke ohne Ende. Eine gute Wahl, denn meine Pizza mit schwarzem Teig ist einfach unfassbar gut. Frozen Margarita hatte ich auch noch nie (ist aber erstaunlich süffig, wenn auch sehr kalt…) und Prosecco geht ja immer. Die Einrichtung, die Musik, hier ist einfach alles cool. Der Ort ist noch besser als gedacht. Wenn ich hier wohnen würde, würde ich vermutlich immer hier abhängen…

Da das Open House Festival immer noch läuft, schaue ich mir noch einen Anderson Shelter an. Kleine Bunker, die in den Gärten Londons aufgestellt wurden, um Schutz im Zweiten Weltkrieg zu bieten. Viele gibt es nicht mehr von ihnen, aber in einem Privatgarten nahe Vauxhall öffnen die Besitzer die Tür. Erstaunlich und kaum vorstellbar, dass dieser kleine Raum mit Welldach wirklichen Schutz hätte bieten können. Es steht eine Pritsche drin, daneben hätte maximal noch eine zweite gepasst. Wie beengt alles ist. Wie schimm es gewesen sein muss, hier Stunden oder Nächte auszuharren. Ich hoffe sehr, dass wir keinen dritten Weltkrieg erleben müssen…

Ok, heute Abend gibt es noch mal Virtual Reality – ich habe spontan noch ein Ticket für “War of the Worlds” bekommen. Zwar raffe ich die ganze Geschichte immer noch nicht genau und ich bin auch skeptisch, weil das eher so Science Fiction ist und ich ja bekennender Vampirfan bin, aber es ist neu und dann kann ich davon auch besser berichten. Und ja, diese Veranstaltung ist noch mal eine ganz andere Nummer als der Gunpowder Plot. Fast 2 Stunden, viel mehr Stationen, an denen mit der VR Brille gearbeitet wird und wirklich eine coole Umsetzung. So ganz habe ich die Story auch nach der Show immer noch nicht begriffen, aber die Marsianer kommen als dreibeinige Gestalten auf die Erde, kennen keine Gnade mit den Menschen und bringen viele um, werden aber am Ende alle von einem Virus niedergestreckt und sterben. So meine banale Zusammenfassung, ich kann nur hoffen, dass mich echte H.G.Wells Fans jetzt nicht hassen…

18.09.2022 – HMS Belfast, Viktor Wynd & mein erster Absinth

Mein Kumpel Ian ist in der Stadt und wir gehen gemeinsam auf die HMS Belfast. Das ehemalige Kriegsschiff habe ich Ende der 1990er schon mal besucht, kann mich aber kaum dran erinnern. Zeit für eine Auffrischung. Ein spannender Besuch, bei dem man von den Kabinen hin zur Zahnarztpraxis, den Maschinenräumen, das Gefängnis und die Lagerungsorte der Kanonen alles besichtigen kann. Plane für deinen Besuch locker 2 Stunden ein.

Danach geht es zu einem kleinen, sehr skurrilen Museum in Bethnal Green – dem Viktor Wynd Museum. Ja, auf die Exponate muss man stehen, die sind teilweise spooky und ein wenig eklig, sehr speziell und eben verrückt. Ist schon mein zweiter Besuch hier, ich bin wieder fasziniert.

Weiter geht es in den Absinth Parlour, der dem Museum angeschlossen ist. Nach einer Erklärung in den richtigen Verzehr – man zündet nämlich keine Zuckerstücke an, das macht man nur in Amerika, wo die Qualität so bitter ist, dass man das Karamelisieren braucht – tropfe ich also einfaches Wasser über den Zucker und genieße meinen ersten Absinth. Was soll ich sagen, leider geil! Der Anisgeschmack ist großartig!

Zum Abschluss des Tages laufe ich noch mal zum Tower, um mir den lila beleuchteten Burggraben (als Erinnerung an die Queen) anzusehen. Auch die Tower Bridge leuchtet in der royalen Farbe lila.

KW 38 – Open House Festival & Chelsea History Festival

19.09.2022 – Beerdigung der Queen, Hardy Tree, Camden, Battersea Power Station

An diesem Tag gibt es nur ein Thema – die Beerdigung der Queen. Ich verfolge das ganze vom Fernsehen aus, weil ich mich nicht stundenlang inmitten vieler Menschen entlang der Mall aufhalten will. So verfolge ich aus bester Vogelperspektive, wie der Sarg der Queen aus der Westminster Hall hinaus und nach Windsor gebracht wird. Ein Ende der Ära Queen Elizabeth II. Auch wenn einige meiner geplanten Events aufgrund der Trauerphase abgesagt oder verlegt werden mussten, bin ich doch dankbar, dass ich diese besondere Zeit live miterleben konnte. Auch wenn ich nicht am Sarg vorbeigelaufen bin, fühlt es sich für mich doch an, als ob ich anständig Abschied genommen habe.

Um dem Trubel in Central London zu entgehen, besuche ich die Gegend um King’s Cross. Ich schlendere mal wieder durch den Friedhof der St. Pancras Old Church, besuche den Hardy Tree und schlendere dann am Kanal entlang nach Camden. So eine schöne Route, unter engen Brücken hindurch, an den Seitenwänden Street Art, kommt man mitten in Camden wieder raus. Ich besuche erstmalig den Hawley Wharf. Hier wurde in den letzten Jahren massiv umgebaut und jetzt stehen hier moderne Gebäude, die Shops und Restaurants beinhalten. Optisch gut gemacht, aber ich kann mich noch an den Markt erinnern, der früher hier stand.

Kleine Stände, kreuz und quer verstreut. An einem habe ich für meine jüngste Schwester mal eine hellblaue Puschel-Umhängetasche gekauft. Tief drin in einer der alten Hallen war immer ein Stand, der diese coolen Kopfmassagedinger verkauft hat. Da bin ich immer nur hin, um das “auszuprobieren”, dabei wusste ich ja, dass sich das super anfühlt. Kurzum, hier gab es mal das typische Camden. Ein wenig abgerockt und dreckig, aber auch einzigartig und besonders. Das ist dieser Neubau nicht mehr. Schade.. Aber – ein Gutes hat es, denn ich sehe endlich das übergroße Portrait von Amy Winehouse auf der Rückseite des Hawley Arms. Das sieht man nur, wenn die Tore des Marktes geöffnet sind.

Am Camden Market entdecke ich mehrere lebensgroße, aber bunt bemalte Pferde, die wohl Teil eines Trails sind bzw. waren. Da muss ich mich noch mal schlau machen.

Die Gegend um den Camden Market hat für mich leider schon länger ihren Reiz verloren, da ähnlich wie am Hawley Wharf, für mich das ursprüngliche Camden verloren ist. Klar ist hier immer noch viel los, aber viele Shops verkaufen Produkte, die es auch im restlichen London gibt. Und der einzige Punk, den man hier sieht, verlangt £ 1, damit er wild schaut und sich fotografieren lässt. Die Gegend ist mittlerweile geprägt von interaktiven und immersive experiences. Es gibt die Tomb Raider – the Live Experience, wo man auf den Spuren von Lara Croft Abenteuer bestehen muss und auch die Peaky Blinders haben eine Show am Start. Zu beiden kann ich nichts sagen, da ich beide noch nicht gesehen habe.

Daher bleibe ich nur für ein paar aktuelle Fotos und laufe dann entlang der Straße mit den bunten Häusern zurück zur Tube Station. Auf dem Weg dahin schaue ich kurz beim Buck Street Market vorbei. Hier gilt auch – alles neu hier, gestapelte Container verkaufen auf mehreren Ebenen Lebensmittel und Getränke, Kleinkunst und Kitsch. Nett gemacht, aber wer sich an den alten Markt erinnert, wo eng an eng die Stände waren, wo man coole Klamotten und Schuhe kaufen konnte, wird wehmütig. Hier habe ich mal einen coolen Samtblazer gekauft, viel zu groß, weil ich der Meinung war, dass ein normales Sweatshirt mit langen Armen drunterpassen muss. WTF? Habe ihn danach fast nie getragen, weil er einfach gar nicht gepasst hat… Oder die coolen Docs, die man hier kaufen konnte. Werde ich alt, weil ich auch diesen alten Zeiten nachtrauere?! Hmmm…

Der Tag ist noch jung, daher passt noch ein kleiner Ausflug zur Battersea Power Station rein. Hier wird seit Jahren umgebaut und hergerichtet. Wohnhäuser und erste Shops gibt es schon länger, jetzt eröffnet auch bald das ehemalige Kraftwerk als Shopping Mall. Ursprünglich war September geplant, jetzt wird es doch erst der 14.10. und ich verpasse die Eröffnung leider. Bin aber schon sehr gespannt, denn in einen der vier Kamine wird eine Aussichtsplattform eingebaut. Das muss ich mir dann ansehen.

Mit dem Riverboat geht es zurück nach Westminster. Dort wird noch fleißig auf- und weggeräumt und man glaubt kaum, dass hier noch vor wenigen Stunden ganz viele Menschen Abschied von der Queen genommen haben. In Rekordzeit wurden Absperrungen und Gitter wieder abgeräumt und sauber gemacht. Am Trafalgar Square entdecke ich zwei neue Kreidemalereien. Eine zeigt die Queen mit geschlossenen Augen, die andere Paddington Bär mit einem Cordi und verwaister Handtasche der Queen.

An der Fake 10 Downing Street vorbei geht es weiter zur Carting Lane und nach Hause.

20.09.2022 – Oxford House, Sufi Teaching, neuer Aussichtspunkt Postgebäude

Der erste Programmpunkt für heute ist das Oxford House, aber erst um 11 Uhr. Die Zeit davor verbringe ich mit einem Spaziergang über die Brick Lane, denn die aktuelle Street Art dort habe ich noch gar nicht studiert. Viele Werke, die der Queen gedenken; ich sehe ihr Zitat “Grief is the price we pay for love” in einer Seitenstraße und natürlich gibt es auch jede Menge anderes zu entdecken.

Für einen Morgen Cappuccino lande ich im Fuckoffee. Hier wollte ich immer schon mal hin, weil ich den Namen witzig finde. Das war es aber auch schon, denn der Kaffee ist grauenhaft. So bitter, dass ich trotz Hafermilch nicht austrinken kann. Einrichtung gut, es gibt kostenlose Hundekekse, also eigentlich eine nette Adresse, aber mich hat es leider nicht überzeugt.

Aber nicht schlimm, denn in der Nähe befindet sich Pellicci’s, ein kleines italienisches Cafe, das seit mehreren Generationen im Familienbetrieb ist. Hier haben schon die Kray Zwillinge gegessen und ich probiere das Full English in Veggie Variante aus. Das ist viel und lecker und die Bedienung ganz interessiert, wo alle Gäste herkommen. Als ich Deutschland antworte, schickt er mir ein strahlendes “Ich liebe dich” entgegen und ist sichtlich stolz auf sich. Offensichtlich habe ich aber begeistert genug reagiert, denn zum Abschied schenkt er mir ein ofenfrisches Stück Bread Pudding, der später mein Mittag wird. Und was für eins – soo gut. Süß, matschig und richtig lecker!

Im Rahmen des Open House Festivals habe ich mich für das Oxford House in Bethnal Green angemeldet. Das wurde 1884 in einem ehemaligen Schulgebäude eröffnet und war Wohnort für Studenten aus Oxford, die in Bethnal Green als Volontäre arbeiteten. Das heutige Gebäude wurde 1892 eröffnet. Heute ist das Oxford House ein Community Centre mit Cafe.

Auf der Führung durchs Gebäude lerne ich viel. U.a. dass es hier ein Fenster gibt, aus dem Gandhi 1931 eine spontane Rede hielt, als er sah, dass sich Menschen versammelt hatten, um ihn zu sehen. Highlight ist aber ganz klar die Kapelle. Ein beeindruckender, mit Holz vertäfelter Raum, der nur knapp 5×8 m misst und der heute für Konzerte und Trauungen gemietet werden kann.

Weiter geht es zum nächsten Highlight im Oxford House – zumindest für mich – hinauf aufs Dach. Was für ein toller Ausblick und sogar meine geliebte Gherkin kann ich von hier aus noch nahezu unverbaut sehen.

Da in der Nähe noch ein weiteres Gebäude zu Open House geöffnet hat, flitze ich schnell mit zwei weiteren Frauen zur nächsten Station – der School of Sufi Teaching. Das gibt es noch gar nicht so lange, da es frisch gebaut wurde und durch Covid hat noch nicht mal die offizielle Eröffnung stattgefunden. Was für eine Ehre, dass wir schon eintreten dürfen. Die Architektin führt uns durchs Gebäude und erklärt, welche Gedanken in die Gestaltung der Räume geflossen sind. Total spannend und wirklich ein ganz schöner, ruhiger Ort, an dem ich mir das Meditieren ganz wunderbar vorstelle. Zum Abschluss trinken wir Tee und ich verlasse den Ort ganz entspannt.

Da ich Bethnal Green bin, laufe ich noch schnell zu der Stelle, wo Angry Dan ein buntes Mural “Bethnal Green” gesprayt hat. Schaut super aus.

Dann muss ich auch schon wieder los, denn die nächste Tour wartet. An der Moorgate Station beginnt die “Rose Playhouse Tour”, die mich in ca. 2 Stunden zu den Orten bringt, wo alte Shakespeare Theater standen. Wir kommen am Barbican vorbei, passieren das Charterhouse und das St. John’s Gate und enden in Smithfield. Eine tolle Tour, auf der ich viele Ecken neu entdeckt habe.

Da der Tag immer noch Stunden hat, fahre ich zum neuen Aussichtspunkt – der Dachterrasse des Postal Building in der Museum Street (nahe dem British Museum). Der Eingang ist ein wenig versteckt und ich laufe auch erst mal schön in das Hauptgebäude rein und werde freundlich von der Security abgefangen. Die erklärt aber, dass es um die Ecke bei der Telefonzelle reingeht. Ah, das muss man erst mal wissen. Nach einer kurzen Flughafen-ähnlichen Security bringt mich der Aufzug hoch aufs Dach. Und ja, ich bin mega geflasht. Man sieht das grüne Glasdach vom British Museum und auch The Shard lässt sich erkennen. Und das alles kostenlos. Großartig, dieser Ort wird umgehend in den Post zu den Aussichtspunkten aufgenommen.

Zum Abendessen habe ich mich mit Claudia in Angel verabredet. Wir kennen uns schon ewig, weil sie mein Ayurveda Coach ist, aber wir haben uns noch nie live gesehen. Wie aufregend! Wir essen lecker bei “Tofu Vegan”, besuchen kurz die Statue von Street Cat Bob und landen auf einen Absacker in einer Rooftop Bar. Was für ein schöner Abschluss für diesen Tag.

21.09.2022 – Chelsea History Festival & Chelsea Physic Garden

Derzeit läuft das Chelsea History Festival. Ein jährliches Event, das im Zusammenschluss zwischen dem National Army Museum, dem Chelsea Physic Garden und dem Royal Hospital Chelsea stattfindet. Ich hatte mir im Vorfeld mehrere Events gebucht und heute finden zwei davon statt.

Den Auftakt macht eine Führung durch das Royal Hospital Chelsea mit einem der Veteranen, die hier leben. Denn das Wort Hospital hat nichts mit Krankenhaus zu tun, sondern kommt von Hospitality, also Gastfreundschaft. Auf dem Gelände leben Kriegsveteranen beider Geschlechter und bekommen hier Kost und Logis sowie medizinische Versorgung und vor allem Gemeinschaft.

Beim Spaziergang durch den Innenhof fällt mir an einem der Kamine der Battersea Power Station auf einmal ein silbernes Kästchen auf, das wenige Minuten vorher noch nicht da war. Es ist die neue Aussichtsplattform! Offiziell wird die erst am 14.10. eröffnet, wie cool, dass ich sie heute schon gesehen habe!

Doch zurück zur Tour durch Royal Chelsea Hospital. Wir bekommen viele Einblicke und vor allem der Besuch des Speisesaals beeindruckt mich sehr. Dieser schöne Schachbrettboden…Ein Besuch des angegliederten Museums und des Shops runden diesen Besuch ab.

Ins National Army Museum wollte ich eigentlich gar nicht, aber nur hier gibt es Klos und wenn ich schon mal hier bin… Also kurzer Besuch auch hier…

Die Wartezeit bis zur zweiten Führung verbringe ich im Chelsea Physic Garden. Ein gut strukturierter Garten, der in verschiedene Rubriken unterteilt ist. Von essbaren Pflanzen hin zu denen, die besondere Heilkräfte haben und sogar die, die tödlich sind, gibt es hier. Letztere sind von mehrere Schildern mit Totenkopf umgeben und man wird gebeten, keine Pflanze zu berühren oder gar zu essen.

Die zweite Tour startet auch beim Royal Hospital und führt dann entlang des Cheyne Walk. Für mich eine spannende Tour, weil ich mich ja meistens im Osten der Stadt aufhalte und Chelsea relativ unbekannt für mich ist.

Ein anstrengender Tag, an dem ich viel gelaufen bin. Heute gibt es kein Abendprogramm mehr.

22.09.2022 – Camden Walk of Fame, Southwark Cathedral & Gary Barlow

Um 10 Uhr wird die Bodenplakette für David Bowie am Camden Walk of Fame enthüllt, das will ich sehen. Aber natürlich ist bis dahin noch viel Zeit. Mit der Tube fahre ich nach Mornington Crescent und mache neue Fotos von der ehemaligen Carreras Fabrik. Diese ehemalige Zigarettenfabrik fasziniert mich besonders, weil das Gebäude mit vielen Elementen des alten Ägyptens verziert ist. Große, schwarze Katzen stehen neben dem Eingang, Lotusblüten schmücken das Gebäude.

Ein bisschen Street Art wird auf dem Weg noch mitgenommen, dass ist erstmal Frühstückszeit. Dafür habe ich mir Ink+ rausgesucht, denn die Kombi zwischen Cafe, Tattoostudio und Friseur hört sich so abgefahren an, dass ich das einfach sehen muss. Cappu gut, der Avocado Toast auch. Einrichtung cool und 100% der Profite wandern in lokale Projekte, um benachteiligten Menschen in der Community zu unterstützen. Was mir aufgefallen ist: die Musik ist ausschließlich christliche Pop-Musik.

Es ist erst kurz nach 9, als ich an der Camden Town Station ankomme. Gegenüber ist aber schon richtig was los. Abgesperrter Bereich, viele Kameras, die ersten Gäste treffen ein. Da noch Plätze am Zaun frei sind, bleibe ich mal lieber hier. Was gut ist, denn so kriege ich noch ein Bowie Tattoo auf meinen Arm, Fähnchen und habe gute Ausblicke auf das Geschehen auf der anderen Straßenseite. Die Plakette für Bowie ist erst die fünfte, die am Camden Music Walk of Fame enthüllt wird. Nach einem großen Start in 2019 kam erst mal Covid. Entsprechend gut ist die Stimmung heute, da dieses Projekt endlich wieder startet. Neben alten Kollegen von Bowie, die Anekdoten erzählen und Live Musik wird immer wieder Werbung für den neuen Bowie Film “Moonage Daydream” gemacht, der heute in den Kinos startet. Ich war zu seinen Lebzeiten kein wirklicher Fan, merke aber immer wieder, wie viele seiner Songs ich doch kenne und auch mag. Er war sicherlich ein ganz besonders talentierter Künstler.

Nach dem Trubel darf es jetzt ein wenig ruhiger werden. Ich fahre zur Southwark Cathedral, um mir die neuen Schaukästen mit Mudlarking Funden anzusehen und noch mal die Memorials im Inneren der Kirche in Ruhe zu betrachten. Der Eintritt in die Kirche ist kostenlos, aber wenn du Fotos machen willst, zahlst du eine Fotogebühr und bekommst den Papierguide obendrauf. Lohnt sich also. Wie so oft in Londons Kirchen und Museen gibt es zahlreiche Volontäre, die sich freuen, wenn sie Informationen unters Volk bringen können. In meinem Fall ist ein älterer Herr ganz stolz, dass er mir ein Geheimnis zeigen kann. Versteckt in einer Ecke liegt auf Stühlen zusammengerollt und schlafend Hodge, die Kirchenkatze. Wie nett, dass er sie mir gezeigt hat, hätte ich sonst verpasst.

Um 14.30 Uhr habe ich eine weitere Chelsea Tour gebucht. Heute zum Thema Rock’n Roll. Schon bald merke ich, dass ich vom Alter her nicht die Zielgruppe bin, denn die Bands, die der Guide aufzählt, sagen mir entweder nichts oder sind so gar nicht mein Geschmack. Auch die Zeiten, als Mary Quant ihren Minirock auf der King’s Road ausstellte, sind viieelll zu lange her für mich. Aber dennoch spannend, auch Einblicke in diese Zeit zu bekommen.

Abendessen gibt es heute in der Unterkunft, die Reste müssen weg. Und nach dem Essen geht es los zu Gary Barlows Show. Ich hatte keine Erwartungen zu “A different stage”, aber dennoch war ich überrascht, als er in einer One-Man-Show sein Leben Revue passieren lässt. Von den Anfängen Take Thats hin zu den Rivalitäten mit Robbie Williams, wie er sich dick gegessen hat aus lauter Frust und bulemisch wurde. Von der Totgeburt seiner Tochter in 2012 und wie das ein Wendepunkt wurde. Es wird nur wenig gesungen, war eben kein Konzert…

23.09.2022 – Charity Abseil Event, Supreme Court & V&A Museum 

Der nächste Location Wechsel steht an. Schon morgens um 8 Uhr komme ich in meiner neuen Unterkunft 198 Bishopsgate an. Direkt gegenüber der Liverpool Street Station ist das quasi meine Hood. Denn als ich 2000 hier studiert habe, war das Unigebäude in einer Seitenstraße und der Old Spitalfields Market der Platz meiner Mittagspausen. Ich freue mich sehr hier zu sein und das erst recht, als mein Gepäck ganz professionell aufgenommen und mit Etiketten versehen wird.

Jetzt kann ich beruhigt zum Abseil Event gehen. Für das hatte ich mich schon vor Wochen angemeldet. Ich werde mich vom Dach des St. Thomas’s Hospital abseilen und sammle dabei Geld für das Krankenhaus. Für mich eine gute Art, dieser tollen Stadt etwas zurückzugeben. Und dabei einen weiteren Abseil zu machen. Win – win für beide. Nach dem Check in bekomme ich mein T-Shirt, Sicherheitsgeschirr, Helm und Handschuhe und kann schon 30 Minuten früher hoch aufs Dach. Dort erfolgen Sicherheitseinweisung und Co, es bleibt viel Zeit für Fotos und schon geht es runter. Wie immer ist der erste Moment komisch, wenn man sich rückwärts vom Dach runterlässt, aber sobald man merkt, dass man fest im Geschirr sitzt, ist das alles kein Problem mehr und der Spaß beginnt. Neben mir starten noch 3 weitere Menschen, so dass wir immer in 4er Gruppen die Hausfassade hinunterkommen. Meine Route führt direkt an Patientenfenstern vorbei. Das ist schon komisch. Das liegen kranke, schlafende Menschen. Ich versuche ganz leise von ihren Fensterbänken abzustoßen und weiter nach unten zu kommen. Wie immer ist das Vergnügen viel zu schnell vorbei. Es ist einfach immer wieder cool! Unten angekommen bekomme ich meine Medaille und Souvenirs und der restliche Tag liegt vor mir, wohl wissend, dass ich heute schon Gutes getan habe.

Das Krankenhaus ist auch Ort des Florence Nightingale Museums. Da war ich lange nicht mehr und nachdem es in der Pandemie erst so aussah, dass sie gar nicht mehr öffnen können, bin ich froh, dass dieses kleine Nischenmuseum es doch geschafft hat. Ein Wallfahrtsort für Krankenschwestern und Menschen in der Gesundheitspflege.

Durch den Leake Street Tunnel komme ich zum Lower Marsh. Ich habe Hunger, aber “Hello Darling” hat zu. Da fällt mir ein, dass das Cafe van Gogh schon lange auf meiner Wunschliste steht. Mit dem Bus fahre ich hin. Neben einer Kirche befindet sich dieses besondere Cafe, dessen Profite an die Community gehen und die Menschen mit besonderen Ansprüchen als Teil des Teams ausbilden. Hier gibt es ausschließlich veganes Essen und ich entscheide mich für den Meal Deal – eine gute Wahl. Das Banh Mi – ein Baguette gefüllt mit Tofu, Pilzen, Salat im asiatischen Stil kommt mit perfekten Pommes. Ich werde unbedingt noch mal wiederkommen, denn das Curry ist neu und hört sich auch super an. Leider ist meine Bestellung nicht ordentlich in der Küche angekommen und mein Essen kommt erst nach 45 Minuten. Dafür bekomme ich einen großzügigen Rabatt auf meine Rechnung, den ich zur Hälfte in das “pay it forward” Programm zurückinvestiere. Hierbei bezahlt man Speisen und Getränke im Voraus und eine andere Person kann diesen Gutschein dann einlösen. Ich mag dieses Konzept sehr.

Erst um 14 Uhr startet der nächste Programmpunkt. Noch ausreichend Zeit, um davor die alten “Shelter” Zeichen in Westminster zu suchen. Sie sind Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg und zeigten den Weg in einen Bunker an.

Zwischen 14 und 15 Uhr mache ich eine geführte Tour durch den Supreme Court. Der oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreiches besteht aus mehreren Säalen, die wir alle besichtigen und Hintergründe erklärt bekommen. Die Führung ist allerdings ein Bonus, denn man kann das Gebäude auch alleine besuchen, dann ist der Besuch auch kostenlos. Lediglich Flughafen-Checks sind zu durchlaufen. Wobei die Führung schon einen Vorteil hat, denn damit kommt man auch in die Bücherei hinein, die sonst nicht zugänglich ist. Dort befindet sich z.B. auch ein Buch aus 1661, das ausgewählte Fälle aus der Herrschaft von Elizabeth I enthält.

Jetzt erst mal Einchecken. Mein Appartment ist im fünften Stock, ist riesig und sehr gut ausgestattet. Hier werde ich mich sehr wohl fühlen. Dass die Busse direkt vor der Haustür halten und die Liverpool Street Station nur über die Straße ist, sind weitere Bonuspunkte. Auch, dass ich beim Warten auf den Aufzug Ausblicke auf die Gherkin habe, verbuche ich als positiv.

Als Abendprogramm mache ich heute die Vor-Eröffnung einer neuen Ausstellung im V&A Museum mit. Offizieller Eröffnungstag ist erst morgen, aber als Mitglied des Museums konnte ich mich schon für heute anmelden. “Hallyu! The Korean Wave” zeigt die Popkultur in Süd-Korea. Gangnam Style sagt noch allen was, oder? Coole Ausstellung, die noch bis Juni 2023 laufen wird.

Ein Pimm’s Absacker im schönen Cafe im Museum muss sein.

Dann mache ich mich auf den Weg zur London Bridge, wo ich Bettina und ihren Mann treffen werde. Ich komme zu spät, weil der Sonnenuntergang einfach zu gut ist, um ihn nicht zu fotografieren. Unsere erste Pub-Wahl “The Mudlark” ist unfassbar voll und laut. Hier nehmen wir nur einen Drink und gehen wieder. Im Anchor direkt am Fluss ist es zwar etwas kühl draußen, aber zur zweiten Runde wechseln wir nach drinnen und haben einen schönen Abend.

24.09.2022 – Brighton, eine besondere Yogastunde & Regatta auf der Themse

Heute fahre ich ans Meer, denn in Brighton habe ich mir eine ganz besondere Yoga Stunde gebucht. Im British Airways i360 gibt die Yogalehrerin Bella eine morgentliche Vinyasa Stunde und während wir uns strecken und dehnen fährt die Aussichtskapsel auf über 170 m hoch. Wunderbare Ausblicke auf Brighton und das Meer, alles ist noch ruhig, denn wir starten schon um 8.30 Uhr. Ein toller Start ins Wochenende!

Danach ein Frühstück im Regency Cafe. Das hatte mir Bella empfohlen. Drinne stinkt es mir leider zu sehr nach Fisch, aber es ist auch warm genug, um draußen zu sitzen und mein Full Englisch mit Blick aufs Meer zu genießen.

Dann gehört der restliche Tag mir und ich lasse mich treiben. Im British Airways i360 Shop kaufe ich erst mal Souvenirs. Neben Gin aus Brighton gibt es ein perfektes Geburtstagsgeschenk für eine meiner Schwestern. Ein Baumschmuck mit einer geöffneten Dose Sardinen. Schon immer haben wir beide dazu einen running gag am Start und ich hoffe sie flippt so auch, wie ich.

Es ist erst 10.15 Uhr, als ich ein Peppermint Choc Eis entdecke und verputze. Weil warum eigentlich nicht…?!

Weiter am Strand entlang, auf das Pier. Wie schon vor Jahren, gibt mir dieser Ort einfach gar nichts. So eine Art Spielhölle und Jahrmarktfahrgeschäfte. Brauche ich alles nicht, daher lieber weiter an der Promenade entlanglaufen.

Brighton ist sehr bunt und es gibt viel Street Art zu entdecken, was mich sehr freut. Auf dem Weg zum Royal Pavillion nehme ich schon einiges mit, auf dem Rückweg zum Zug wird es noch mehr. Doch erst einmal in die ehemalige Sommerresidenz von George IV. Was für ein schöner Ort. Diese Architektur, die Zwiebeltürmchen, die Erker, die krass dekorierten Innenräume, hier bin ich einfach nur am Stück am Staunen. Und wie toll, dass die Eintrittskarte auch gleich in einen Jahrespass umgewandelt wird, d.h. ich könnte noch beliebig oft wiederkommen bis September 2023.

Mittagessen ist heute thailändisch und das Restaurant wähle ich nur aufgrund des Namens aus: The giggling squid, die kichernde Krake. Muss ja gut sein… war es auch.

Ein Künsterduo, das aus Brighton stammt, aber auch in London sehr aktiv ist, sind The Postman Art. Ihre Arbeiten entdecke ich hier an vielen Orten.

Da ich weniger Zeit als gedacht in Brighton verbringe, kann ich in London noch mal raus zu den Thames Barriers fahren, die haben nämlich ausnahmsweise geschlossen. Und zwar nicht, weil ein schlimmes Hochwasser auf die Stadt zurollt, sondern weil es jährliche Wartungsarbeiten gibt. Ich stehe also nahe den großen Schleusen, die London seit 1984 vor hohen Fluten schützen, erkenne aber gar keinen wirklichen Unterschied zu sonst… Irgendwie dachte ich, dass sie die Form der Schleusen ändern würde, was aber wohl nicht der Fall ist. Nun gut, auch mal da gewesen.

Auf zum nächsten Programmpunkt: “Reflections” ist eine Bootsregatta mit ca. 150 Booten, die heute Abend die Themse entlang kommen. Das Event findet im Rahmen des Totally Thames Festivals statt und ursprünglich war es als Teil der Jubilee Feierlichkeiten vorgesehen. Jetzt ist es ein Abschied an die Queen und eine Veranstaltung zu Ehren des neuen Königs.

Die Ufer zwischen Chelse Bridge (hier befindet sich der Start) und Tower Bridge (hier ist das Ende) sind voll mit Menschen. Ich finde einen Platz nahe der Tower Bridge, gegenüber von The Shard und der HMS Belfast. Vermutlich haben viele Besucher hohe Erwartungenen an das Event, so wie ich. Meine wurden jedoch nicht erfüllt. Denn die Boote schauen einfach nur langweilig aus und sind kaum beleuchtet, so dass man sie kaum erkennt. Einziges Highlight ist die königliche Barge Gloriana. Die ist mit beleuchteten Rudern ausgestattet und diese werden angehoben und senkrecht aufgestellt, als man die HMS Belfast passiert. Dort stehen auf jeder Reling Marinesoldaten, die der Gloriana salutieren. Ein kurzer Gänsehautmoment, der nicht mit dem kalten Wind am Ufer zusammenhängt.

Claudia findet mich am Ufer und wir essen noch ein Abendessen bei Wagamama am Tower. Da der rose Pino in der Flasche viel günstiger als die Einzelgläser sind, ist auch hier schnell die Entscheidung getroffen. Die Heimfahrt machen wir auch gemeinsam und entdecken nahe der Liverpool Street Station einen Fuchs. Diese Waldtiere sind seit Jahren in London ansässig und leben in Gärten und Parks. Unser Exemplar sah einfach nur schmächtig und ängstlich aus.

25.09.2022 – Schafe in der Stadt, Kanaltour im Olympic Park & Gordon’s Wine Bar

Das sonntägliche Frühstück gibt es bei Rake’s, im Andaz Hotel, quasi gegenüber meiner Unterkunft. Ich probieren das hausgemachte Granola und bin sehr begeistert. Überhaupt ein toller Ort, hohe Decken, opulente Deko. Hier ist bestimmt auch ein Abendessen gut.

Heute plane ich den Besuch der Mudlarkig Ausstellung im römischen Amphittheater in der Guildhall. Und da ich dann schon in der Gegend bin, werde ich mir den “Sheep Drive” an der London Bridge ansehen. Schon zum zehnten Mal dürfen die Freemen of the City of London von ihrem Recht Gebrauch machen, Schafe über die Brücke in die Stadt zu treiben. Die Brücke ist dafür teilweise gesperrt und rund um das Monument gibt es ein passendes Festival mit Essen & Trinken und jede Menge Produkte rund um das Schaf. Auch ein paar echte Schafe sind da, an ihnen wird das Schären demonstriert. Ich hole mir für £ 10 eine Tüte bei der Bäckergilde, darin ein Weißbrot, 2×4 Hot Cross Buns (so eine Art Rosinenbrötchen), Cookies, ein kleiner Honig und Marmelade und Schokolade. Das Frühstück für die nächste Tage ist gesichert.

Das Nachmittagsevent ist schon seit Monaten gebucht und die Vorfreude groß, denn schon immer wollte ich mal auf den Kanälen im Olympic Park fahren. Mit einem niedrigen Boot schippern ca. 50 Passagiere und 2 Kapitäne los. Da ich alleine bin, hat man mich an einen Tisch mit ca. 15 Damen 80+ gesetzt, die auf einem Kaffeekränzchen sind. Ja, es war ein wenig anstrengend, weil sie alle so viel reden wollten. Aber auch irgendwie nett. Die Tour selber ist eins meiner Lowlights. Denn von den 3 Stunden Dauer verbringen wir gefühlt die Hälfte in irgendwelchen Schleusen. D.h. die eigentliche Strecke ist gar nicht lang. Einmal kurz nach Hackney Wick und dann geht es schon wieder zurück, wieder durch die gleichen Schleusen, die wieder ewig brauchen…

Abends treffe ich Michael aus meiner Facebook Gruppe in Gordon’s Winebar. Da kann man keine Tische reservieren und auch bei uns ist die Schlange lang. Wir haben auch nicht viel Zeit, weil Michael heute noch zu Gary Barlow geht und ich noch spontan ein Tickets Theater habe. Geht dann aber doch erstaunlich schnell und wir haben Snacks und Wein draußen auf der Terrasse.

KW 39 – Marsianer, 4th Plinth, London Month of the Dead

26.09.2022 – Marsianer in Woking, Brockwood, 4th Plinth & The Crusible

Heute fahre ich nach Woking, denn dort gibt es die Skulptur eines Marsianers aus War of the Worlds sowie eine der Kapseln, aus denen die Außerirdischen gekrochen sind, als dauerhafte Installation in der Stadtmitte.

Und da Brockwood Cemetery nur einen Zugstopp weiter entfernt ist, besuche ich auch endlich diesen Ort. Das ist nämlich ein ganz besonderer Friedhof. Hier war zwar zwischen 1854 und 1911 die Endstation des Nekropolis Trains, der Leichname und ihre Trauernden von der Waterloo Station hierher brauchte. In London ist vom Nekropoliszug nur noch Teil des ursprünglichen Gebäudes zu sehen und auch in Brockwood sind die Zeichen der Vergangenheit so gut wie weggewischt. Einzig ein paar verbleibende, stark zugewachsene Schienen sind heute noch zu sehen.

Zurück in London ist ein Mittagessen überfällig. In Westminster stoße ich auf das “The Wash House” Cafe, eine Art Community Centre samt Cafe in einem ehemaligen Badehaus. Alles Vegane auf der Karte gibt es heute nicht, auch Veggie ist limitiert, so dass es am Ende auf eine Jacked Potato rausläuft. Klassiker, damit macht man ja nie was falsch.

Zeitlich kann ich die Fütterung der Pelikane im St. James’s Park noch schaffen, wenn ich mich beeile. Die werden angeblich täglich um 14.30 Uhr gefüttert und das habe ich noch nie gesehen. Ich bin pünktlich vor Ort, der Regenschauer auch, ebenso einer der Pelikane, aber niemand, der Fische für ihn hat. Die Fütterung fällt heute wohl aus.

Am Trafalgar Square ist Bewegung an der 4th Plinth. Da steht die Enthüllung kurz bevor und heute werden die Skulpturen in Position gebracht. Über eine Stunde stehe ich und schaue begeistert zu, wie die großen Männerfiguren gut fixiert, vorsicht mit dem Kran angehoben und dann auf dem Sockel abgesetzt werden. Natürlich ist alles noch gut verpackt, aber am unteren Ende der weißen Folie sieht man schon mal die Füße hervorblitzen.

Zum Aufwärmen geht in das Cafe in the Crypt bei St. Martin-in-the-Fields. Cooler Ort, wo sonst kann man im Gewölbe unter einer Kirche und auf Grabsteinen Tee trinken.

Bei der St. Paul’s Cathedral besuche ich erneut den Reflection Garden in 25 Cannon Street. Im ebenerdigen Garten befindet sich ein großes, ovales Teichbecken, das die Kathedral spiegelt. Bei meinem letzten Besuch war dort das Wasser komplett ausgetrocknet, aber heute sieht es einfach toll aus.

Auf dem Weg zur Millennium Bridge komme ich an weiteren, bunt bemalten Globen vorbei. Ziel ist aber der Garten der Tate Modern, denn dort gibt es nur wenige Tage die Installation “Come again” von Es Devlin, in Zusammenarbeit mit Cartier. Es handelt sich hierbei um eine beleuchtete Skulptur, die die Form der Kuppel von St. Paul’s kopiert. Ganz in weiß sind sehr filigran, 243 Arten von Motten, Vögeln, Fischen und Blumen aufgetragen. Sie alle stehen auf der Gefährdetenliste. Der Künstler schlägt vor, dass ein erster Schritt zum Umweltschutz sein kann, dass man die Bewohner erst mal besser kennenlernt, ihre Namen, wo sie leben, was sie können. Eigenlich soll hier auch noch jeden Abend ein Chor stehen und singen, aber zur genannten Zeit ist noch niemand da und ich muss weiter ins National Theatre, wo ich “The Crusible” von Arthur Miller sehe.

Ich bin vom Tag sehr müde und das Stück dauert mit Pause fast 3 Stunden, aber ich froh, dass ich es gesehen habe. Die Geschichte ist immer wieder schockierend.

27.09.2022 – Fleet Street Kirchen, Twinings & der Tunnel Walk im Postal Museum

Heute startet der Tag an der Fleet Street. Ich prüfe, ob am “Ye Olde Cheshire Cheese” Pub die Liste der Könige schon aktualisiert ist – ist sie noch nicht.

Weil der Tag noch jung ist, mache ich einen kleine Kirchspaziergang draus:

  • St Bride’s Church ist die Inspiration für die mehrstöckige Hochzeitstorte und hat außerdem einen eisernen Sarg im Museum in der Crypt
  • St Dunstan in the West hatte ich noch nie von innen gesehen. Hier lohnt sich der Besuch nicht nur wegen der großen Uhr an der Außenseite, an der die Riesen Magog und Gog die Zeit läuten und die außerdem die erste öffentliche Uhr mit Minutenzeiger in London war, sondern auch der Innenraum ist beeindruckend, vor allem die Ikonostase (links vom Altar) ist unglaublich. Außerdem befindet sich am Nebengebäude die einzige Statue von Elizabeth I.

Kleiner Zwischenstopp bei Twinings, die ich seit der Renovierung noch nicht wieder besucht hatte. Londons ältester Teeladen hat innen das dunkle Holz entfernt, alles ist viel heller und freundlicher, aber leider wurde auch das kleine Teemuseum am Ende des Ladens entfernt.

Weiter geht die Kirchentour. Ein letzter Stopp für heute ist St. Clement Danes. Diese Kirche ist der Ort der Royal Air Force (RAF), hier werden all jene geehrt, die im Dienst ihr Leben verloren.

Der erste geplante Programmpunkt für heute startet um die Mittagszeit. Eine Führung durch die historischen Teile des Somerset House. Ein echtes Highlight! Die Light Wells, Gänge rund um das Gebäude im Untergeschoss, die die dort liegenden Räume mit Licht versorgen, und das Dead House, ein Gewölbe, in das alte Grabsteine gerettet wurden sowie die schöne, verschnörkelte Nelson Stair, hier jagt ein Wow-Moment den nächsten. Klare Empfehlung für diese Tour.

Und kaum zu glauben, aber am Nachmittag wird es noch mal besonders. Ich bin im Postal Museum zu einem Tunnel Walk angemeldet. Denn dort, wo früher die kleinen Postzüge Briefe und Pakete unterhalb Londons verschickten, kann man heute als Besucher in den Abteilen der Mail Rail Platz nehmen und einen Teil der Strecke abfahren. Das hatte ich vor Jahren schon mal gemacht. Heute laufe ich die Strecke zu Fuß. Noch mal ganz anders. Und so cool. Wir sehen sogar den Friedhof alter Züge…Und einen gelben Zug, der auf Wunsch von Bruce Willis gelb gestrichen wurde. Der hat hier nämlich Teile des Films Hudson Hawk gedreht und da musste es ein gelber Zug sein. Der Guide erklärte, dass der Film zwar ein Flopp war, aber auf den Zug wäre man immer noch stolz.

So viel Input und Erlebnisse, Zeit für eine Pause. Dafür suche ich mir “The Garden at Drury Lane” aus, ein noch relativ neues Cafe/Restaurant neben dem Drury Lane Theater in Covent Garden. Mein O-Ton in der Facebook Gruppe dazu: Was für ein zauberhafter Ort, ruhig, mit dezenter Pianomusik im Hintergrund. Nicht alle Pflanzen sind echt, aber das finde ich hier gar nicht schlimm. Auch der dezente Geruch im Hintergrund (keine Ahnung was…) stört mich nicht. The Garden neben dem Drury Lane Theatre ist noch nicht so lange geöffnet, daher empfehle ich den Besuch allen, die noch nicht da waren. Kann man schon zum Frühstück hin und hat dann bis abends auf.

Abends treffe ich Peter von ATO-Tours zum Abendessen. Wir haben uns vor Jahren auf dem World Travel Market (einer Reisemesse) in London kennengelernt und seitdem ist er mein zuverlässiger Partner, wenn es um das Buchen von Hotelzimmern geht. Doch heute stellt sich nicht die Frage, ob ich ein Zimmer oder eine Wohnung suche oder wo die liegen soll. Heute geht es nur darum lecker zu essen. Wir starten in einem Pub nahe dem Old Vic Theater und gehen zum Essen ins “Crown & Cushion”. Ein Pub, das im ersten Stock jedoch ein ziemlich authentisches Thai Restaurant hat. Das Essen war sehr gut. Ich hatte vegetarische Gyozas und ein rotes Curry und natürlich ein Singha Bier. Zwei weitere Pubs später verabschieden wir uns.

28.09.2022 – 4th Plinth Enthüllung, Lego Store, Volontärin im Green Park & Fashion Week

Ursprünglich hatte ich für heute einen Ausflug nach Bath geplant, weil ich das neue House of Frankenstein sehen will. Aber in London passiert heute einfach zu viel und so stehe ich morgens (mal wieder bei strahlend blauem Himmel) am Trafalgar Square und warte auf die Enthüllung von Antelope, dem neuesten Kunstwerk auf der 4th Plinth.

Weil ich in der Nähe bin, sehe ich mir auch den neuen Lego® Store an. Nach einem Umbau hat sich der Laden krass vergrößert und auch die Legofiguren sind durchgemischt. Wer den großen Tube Wagon noch kennt, ihr müsst stark sein, denn den gibt es nicht mehr. Auch die Queen habe ich als Einzelfigur nicht mehr entdeckt (sie sitzt jetzt oben in einem Bus). Dafür gibt es aber sehr große, richtig gute Szenen aus Harry Potter. Gringotts Bank, Voldemort und seine Schlange Nagini. James Bond steht neben seinem Auto, Spiderman seilt sich von der Decke ab und Diagon Alley samt Harry und Hagrid geben ein super Fotomotiv ab. Die Mitarbeiter sind alle sehr freundlich und jederzeit bereit Fotos von dir zu machen.

Über Seven Dials laufe ich zum “Apple Butter”, einem Lokal, wo ich zum späten Frühstück hin will. Gerade noch Glück gehabt, ich kriege den letzten freien Tisch und genieße Schwarzwälder Kirsch Pfannkuchen (dunkler Schokoteig, Kirschen und Quarksahne), die wirklich perfekt sind. Fluffig und weich, die richtige Menge an süß und mega sättigend.

Deswegen muss ich mich erst mal weiter bewegen, in Richtung Phoenix Garden. Diese kleine Ruheoase kennst du vielleicht aus dem “Last Christmas” Film, da haben die Hauptdarsteller immer vor der Wand mit den gelben Stik Männchen gesessen.

In der Nähe von St. Giles in the West, stoße ich auf das Giraffenhaus. Das wird so genannt, weil sich hier eine riesige, aber schmale grüne Tür befindet. Natürlich wurden in diesem Gebäude keine Giraffen gehalten. Vielmehr werden hier Bühnenbilder von Elms Lesters Painting Rooms fürs Theater hergestellt, die durch die hohe Tür passen müssen.

Für den Nachmittag habe ich mich als Volontärin im Green Park gemeldet. Die vielen Blumen, die für die Queen abgelegt wurden, müssen von Plastik und Karten getrennt werden, damit sie zu Kompost verarbeitet werden können. Dieser wird dann im nächsten Jahr in den Royal Parks verwendet. Eine schöne Idee, finde ich. Doch bis dahin ist noch viel Arbeit. Denn obwohl von Anfang an daraum gebeten wurde, dass Blumen bitte ohne Folien, Gummis und sonstigem Plastik gebracht werden sollen, haben sich viel nicht daran gehalten. Hinzukommen Geschenke, Kerzen, Bilder, Karten und Briefe, die separat gesammelt werden. Alle Karten und Briefe werden getrocknet. Was dann mit ihnen passiert, ist noch nicht klar. Die ganzen Paddington Bären werden gereinigt und an Kinderheime gegeben.

Eine anstrengende Arbeit, zumal manche ihre Blumen einfach nur planlos in Bäume geworfen haben, wo man sie kaum mehr runterbekommt. Aber am Ende der Schicht ist wieder ein Stück Rasen sauber und ich bin glücklich, denn so habe ich auf diese Weise Abschied von der Queen nehmen können.

Ein Besuch im Apsley House bietet sich noch an, da es in der Nähe ist, ich noch nie dort war und ich kostenlosen Eintritt habe, da mein Art Pass noch Gültigkeit hat. Was soll ich sagen? Ein Overload an Prunk. So viel Gold, so viel “drüber”, aber irgendwie dennoch alles stimmig und schön. Leider darf man drinnen keine Fotos machen, aber geh einfach mal selber hin und überzeuge dich selber.

Als Abendevent gehe ich zu einer Veranstaltung der London Fashion Week. Und zwar zu Designern, die in “The conscious edit” ausstellen und die sehr auf Inhaltsstoffe, Produktion und Nachhaltigkeit achten. Da ich via Eventbrite ein kostenloses Ticket gebucht habe, gibt es Drinks für lau.

China Town bei Nacht scheint mir ein guter Abschluss für heute zu sein. Und weil noch etwas Süßes geht, mache ich einen Stopp bei Mamasons, die ich schon lange mal probieren wollte. Deren lilanes Ube Eis (eine philippinische Frucht) wird in ein Brötchen gepackt und ist angeblich unglaublich gut. Zumindest, wenn man Instagram glaubt. Und ich merke, denen darf man nicht immer glauben. Denn das Brötchen geht gar nicht und das Eis schmeckt undefinierbar nach süßer Kondenzmilch, aber ich schmecke nichts Fruchtiges… Überhaupt nicht meins und einer von sehr wenigen Momenten, wo ich Essen entsorgen muss. Schade.

Wirklich letzter Punkt für heute: das Musical Six über die sechs Frauen von Henry VI, die in einer Art Band versuchen herauszufinden, wer die Beste von ihnen ist. Ein kurzweiliger, sehr unterhaltsamer Abend.

29.09.2022 – Totally Thames Festival, Jurassic World Exhibition & Horse Hospital

Heute habe ich über das Totally Thames Festival einen Spaziergang mit Paul Talling von Derelict London gebucht. Ein cooler Typ, der sich auf die verlassenen und verkommenen Gebäude der Stadt fokussiert hat und sie mit Fotos erhält. Er hat immer viele spannende Geschichten zu erzählen und heute sind wir im Bow Creek, kommen am Cody Dock vorbei und enden in Trinity Buoy Wharf.

Zum Mittag geht es nach North Greenwich, für eine warme Suppe bei Wagamama und dann mit der Seilbahn rüber zur ExCel, wo ich spontan ein Ticket für die neue Jurassic World Exhibition gebucht habe. Angeblich sieht man hier Dinos wie noch nie zuvor. Ich bin gespannt. Lt. Webseite braucht man ca. 1 Stunde, ich bin nach 40 Min durch. Nach dem Eintritt wollen sie ein “lustiges” Foto vor dem Greenscreen machen, was man charmant ablehnen darf. Dann wird man in einer kleinen Gruppe zur Insel gebracht und hat dort 8 Stationen, die nacheinander abgelaufen werden. An jedem Ort vermitteln Schauspieler (mal mehr, mal weniger gut) das Gefühl, dass sie Angestellte sind, die mit den Dinos arbeiten bzw. sie trainieren. Die Dinos sehen sehr echt aus und zeigen, wie groß T-Rex und Co gewesen sind. Ein cooles Erlebnis, bei dem auch ganz viele Kleinkinder dabei waren. Also nichts Gruseliges. Einziger Kritikpunkt: hätte mir an jeder Station mehr Zeit gewünscht, man wird da ein wenig durchgepeitscht, weil die nächste Gruppe wartet. Wer Dinofan ist, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten.

Danach treffe ich mich mit Ulrike aus der Facebook Gruppe auf einen Smoothie am Brunswick Centre. Leider habe ich nicht viel Zeit, weil mein Abendprogramm im Horse Hospital wartet. Dort gibt es zwei kurze Lesungen,  aus den Büchern “The Vagabond” von Oskar Jensen und einem von Charlie Tavener. Beide passen zum Motto des Abends “London Vagabonds and Hawkers”, die schon 96te Veranstaltung von Antique Beat. Dahinter steckt überigens Stephen Coates vom London Month of the Dead.

30.09.2022 – Smithfield Tour, Sutton House & Hackney und eine magische Cocktailklasse

Als mein Wecker heute klingelt, bin ich noch sehr müde. Aber ich will schon um 6.30 am Smithfield Market sein, um dort eine Führung mitzumachen. Meine Angst, dass ich hier nur durch Schlachthäuser getrieben werde, bewahrheitet sich nicht. Denn wir erkunden erst mal die Gegend, stoppen an St. Bartholomew und verstehen mehr über die Architektur des Markets, bevor wir reingehen. Da wird es dann für einen Veggie doch etwas hart, denn hier hängen die Schweinehälften hinter den Theken und jede Art von Fleisch kann hier günstig (auch von Privatpersonen) gekauft werden. Ich hätte meine Maske sowieso getragen, aber jetzt gerade tut sie besonders gut, weil sie den Gestank gut wegfiltert. Highlight der Tour – ein Blick in das Gebäude, wo das Museum of London schon den neuen Standort vorbereitet. Das Museum schließt im Dezember 2022 und wird erst in ein paar Jahren an neuer Stelle wieder eröffnen.

Zurück im Hotel heißt es heute schon wieder umziehen. Und zwar ins KIP Hotel in Hackney. Hier habe ich nur ein sehr kleines Zimmer mit Gemeinschaftsdusche gebucht. Ursprünglich war geplant, dass ich in dieser Woche nach Whitby fahre, dann wäre das ZImmer nur Abstellkammer für mein Hauptgepäck gewesen. So bleibt es das Zuhause für die nächste Woche, samt lauter Nachbar und einer Klimaanlage, die das Zimmer in Minusgrade kühlt (ok, ich übertreibe, aber ich habe dennoch jede Nacht mit Schal schlafen müssen…)

Einchecken kann ich so früh noch nicht, aber zumindest das Gepäck schon mal abgeben. Dann starte ich zu Fuß durch Hackney zum Sutton House. Das kann derzeit nur mit einer Führung besichtigt werden und fehlt mir noch in meiner Sammlung.

Danach ein weitere Besonderheit, die es nur in Hackney gibt – das Burberry Outlet. Ein kleiner, naiver Teil in mir dachte, dass ich vielleicht im Outlet einen dieser schwarzen Mäntel kaufe. Aber bei immer noch £ 1000 kommt mir mein alter Mantel doch noch ganz anständig vor… An der Kasse hängen kleine Taschenanhänger. Selbst die kosten schon £ 200 und sind so klein, dass noch nicht mal 2 Tampons reinpassen würden…Wer kauft sowas? Ok, von den vielen Asiaten abgesehen, die den ganzen Laden fluten und die Arme unfassbar voll packen… Für mich gibt es hier nichts..

Für einen Tee geht es in den Dalston Eastern Curve Garden, ein Community Garden, den ich sehr mag. Dann lasse ich mich durch diesen Teil Dalstons treiben und komme schließlich beim Hackney Museum raus. Ein kleines Nischenmuseum, das auf die Geschichte und Entwicklung der Gegend spezialisiert ist. Dennoch eine umfangreiche Sammlung mit über 8000 Objekten, jedes mit einer Person aus Hackney und deren Geschichte verknüpft. Es kostet keinen Eintritt.

Das Wetter wird heute das erste Mal so richtig schlecht. Noch einigermaßen trocken komme ich zurück nach Dalston, denn hier bin ich mit Patricia aus meiner Facebook Gruppe zur magischen Cocktailklasse verabredet. Es geht uns beiden gleich, wir laufen mehrfach an der Location vorbei, weil der Eingang so unscheinbar ist. Da Patricia noch im Verkehr fest steckt, habe ich Zeit den Ort genauer anzusehen. Einfach nur großartig. Ein Kellerraum, sehr dunkel, mit Zweierpulten. Neben jedem hängen zwei schwarze Zaubermäntel, ein Zauberstab liegt bereit. Mit dem Wedeln des selbigen wird das Servicepersonal gerufen, das die Zutaten für die Cocktails bringt. Zwei können wir uns aussuchen, jede von uns hat ihren Favoriten gefunden und dann geht es ans Mixen und Zusammenstellen. Einige müssen noch kurz entzündet werden, andere nutzen Trockeneis. Es macht riesigen Spaß! Es gibt außerdem noch einen Willkommenscocktails aus der weißen Grotte (die Aktivierung der Quelle musste ich als Hüterin des Zauberstabes herbeiführen).

Da es sich komplett einregnet, fahre ich mit dem Bus nach Hause. Nicht schlimm, wieder ein voller Tag und die ganzen Cocktails…Fernsehabend reicht.

01.10.2022 – Holland Park, Taxidermie Workshop & Notting Hill

Das Wetter ist heute wieder gut und ich starte den Tag im Holland Park. Kyoto und Fukushima Garden sind immer wieder einen Besuch wert und ich freue mich, dass ich sogar den Pfau sehe.

Ein morgentliches Heißgetränk gibt es bei “Sister Jane”, einem Cafe/Modeatelier/Shop, dann geht es weiter zum Kensal Green Cemetery, wo ich für eine Taxidermie Klasse angemeldet bin. Das Event ist das erste im diesjährigen London Month of the Dead und nur eins von vielen, was ich in den nächsten Tagen besuchen werde.

Ich kenne Suzette schon von vergangenen Events und bin gespannt, wie es sein wird, mit toten Schmetterlingen zu arbeiten. Und nein, die wurden nicht extra für das Event getötet und ja, es mag einigen komisch vorkommen, dass man die nach ihrem Tod schön drappiert und somit konserviert, aber ich fand es großartig dabei zu sein. Während man beim ersten Schmetterling noch ein wenig unbeholfen ist, kommt schnell Routine rein und die insgesamt 6 Schmetterlings sind schon bald in meinem Rahmen arrangiert. Ich bin sehr stolz und hatte eine großartige Zeit. Dieses Event wird das Highlight meines Sabbaticals.

Weiter geht es zum Museum of Brands in Notting Hill. Da war ich ewig nicht und es liegt quasi auf dem Weg zum Grenfell Memorial. Als im Juni 2017 der große Wohnblock ausbrannte und so viele Menschen ihr Leben verloren, saß ich geschockt vor dem Fernseher. Noch immer ist der Bau eine verhüllte Ruine und noch immer verlangen die Angehörigen Gerechtigkeit. Ich will mir zumindest die Gedenkstätte mal ansehen.

Notting Hill selber empfinde ich als unfassbar voll. Drängelnde Touristen, alle schubsen.. hier muss ich schnell wieder weg.. Muss ich aber sowieso, denn ich bin zum Abendessen mit Katharina aus der Facebook Gruppe verabredet. Wir probieren was Asiatisches nahe der King’s Cross Station aus, machen noch einen Schlenker hoch zum Granary Square und landen für eine Dessert im German Gymansium. Mein Mangotörtchen sah zwar super aus, war geschmacklich aber ein Reinfall…

02.10.2022 – Brompton Cemetery, Holmes Museum, Wallace Collection & Nachts auf dem Friedhof

Heute steht die nächste Tour mit dem London Month of the Dead auf dem Programm: eine Führung über den Brompton Cemetery. Ich liebe die Touren von Stephen und Suzette einfach, denn hier fühle ich mich nicht wie ein Freak, sondern umgeben von Menschen, die auch gerne auf Friedhöfen sind. Ein wunderbares Gefühl. Die Tour ist gut, auch wenn ich schon so oft über den Friedhof gelaufen bin, hat unser Guide doch noch Neuigkeiten parat. Und ein Besuch in den Katakomben ist immer wieder besonders, denn die sind normalerweise nicht zugänglich. Was für ein toller Start in den Sonntag!

Im Sherlock Holmes Museum war ich letztmalig in 2012 und es wird Zeit zu prüfen, ob sich hier was verändert hat. Ich bekommen ohne Probleme ein Ticket und erkunde kurz das Haus. Und nein, alles unverändert zu damals. Einzig der Eintrittspreis hat drastisch angezogen…

Weiter geht es in die Wallace Collection, ein ganz besonders schönes Museum, das derzeit eine Sonderausstellung über Richard III hat. Die Dauerausstellung überzeugt wie immer. Tolle, farbenfrohe Tapeten, Möbel, Ritterrüstungen und Geschirr. Die Sonderausstellung finde ich enttäuschend, nur ein Raum mit wenigen Infos. Nach einer Suppe im Museum habe ich noch Hunger auf etwas Süßes.

Gut, dass in der Nähe ein neues Cafe ist, dass derzeit auch ziemlich gehypt wird: No 79 lockt mit einem liegenden Hund aus Schokomousse. Ich bin gespannt, ob die Begeisterung hier echt ist und mache mich auf dem Weg. Neben dem Hund probiere ich auch noch ein kleines weißes Häschen mit Mangofüllung. Beides gut und optisch toll hergerichtet. Erwartungsgemäß kein günstiges Dessert, aber eins was lecker war.

Über China Town lande ich am Leicester Square und prüfe kurz die aktuelle Optik im M&Ms Store. Immer noch mehrere Stockwerke voller bunter Schokolinsen, ein (für mich) ekliger Geruch überall, überteuerte Souvenirs und dann immer wieder die entsetzen Gesichter, wenn an der Kasse die selber abgefüllten M&M’s so viel kosten wie ein Mittagessen für vier…

Abends bin ich zurück am Kensal Green Cemetery, wo es eine kurze Führung über den Friedhof bei Nacht gibt und anschließend Geistergeschichten in der Dissenters Chapel.

KW 40 – Nottingham, London Month of the Dead, Chocolate Cocktails

03.10.2022 – Ausflug nach Nottingham

2012 habe ich in Nottingham gelebt und gearbeitet und heute kehre ich dorthin zurück. Ich bin sehr gespannt. Damals hatte ich zwar eine anstrengende Zeit auf der Arbeit, aber die Stadt hat mir sehr gefallen. Mit dem Zug starte ich ab St. Pancras und bin gegen Mittag vor Ort. Ich schlendere durch die Stadt und bin geschockt, wie heruntergekommen und verlassen alles wirkt. Viele Shops und Pubs geschlossen, alles wirkt ein wenig dreckig. Zum Essen bin ich bei Browns, danach mein erster Besuch in einem Katzen Cafe. Und ja, ich weiß jetzt, warum ich auf Hunde stehe…Leider kommt das Gefühl von damals nicht mehr auf…

04.10.2022 – Camley Street Natural Park, Tarot Reading

Heute besuche ich endlich den Camley Street Natural Park. Der war länger geschlossen, weil man renoviert hat, jetzt gibt es ein schönes neues Cafe mit Sanitäranlagen und jede Menge Natur und Grün ganz nahe am Kanal bei der King’s Cross Station. Eine Ruheoase inmitten dieser trubeligen Ecke Londons. Unbedingt hingehen.

Abends buche ich spontan noch ein Tarot Reading in Lost Boys Pizza. Was für ein guter Grund erneut hierher zu kommen, um Pizza zu essen.

05.10.2022 – Victoria Park, Hackney Wick, Carlyle House & Wicked

Heute erkunde ich den Victoria Park, denn hier gibt es jede Menge Kurioses zu entdecken. Alte Hundestatuen und zwei der Alkoven, die auf der alten London Bridge standen.

In Hackney Wick checke ich die aktuelle Street Art und das Lord Napier Pub, das nach Renovierung wieder in neuen Glanz erstrahlt, sich die Fassade aber weiterhin mit bunter Street Art erhält.

Meine Taxidermie Trainerin Suzette hat derzeit eine kleine Ausstellung in einer Telefonzelle nahe dem British Museum. “Fox in a box” zeigt einen stehenden Fuchs im Anzug, der am Telefon ist, während mehrere Eichhörnchen mit ihm in der Zelle sitzen, eins davon das “London A-Z” lesend. Die Künstlerin hat erklärt, dass diese Installation an ihre Anfangszeit in London vor vielen Jahren erinnert, als Telefonzellen und Bücher mit Landkarten noch die Must-Have waren.

Für Nachmittags habe ich mir einen Besuch im Carlyle House gebucht. Ein Haus im viktorianischen Stil, eine Art Zeitkapsel, nahezu unverändert, in dem Thomas Carlyle mit seiner Frau lebte. Man kann sogar in Büchern die Briefe von Carlyle an seine Frau und Freunde lesen.

Der Hunger treibt mich weiter und ich finde einen ganz wunderbaren Ort für Pho Suppen. Draußen, in einen Hinterhof steht ein kleiner Wagen, der unter einer Terasse Suppen und andere Kleinigkeiten anbietet. Es geht schnell, ist lecker und preislich total ok, vor allem wenn man bedenkt, dass ich in Chelsea bin. Die Phat Phuc Noodle Bar kommt auf meine Empfehlungsliste.

Ebenso wie die Walk In Reflexzonenmassage, die gleich nebenan ist. Nach 30 Minuten Fußmassage schwebe ich quasi wieder aus dem Laden, wohl wissend, dass ich unbedingt noch mal wiederkommen muss und dann gibt es mindestens 45 Minuten.

Über den Thurloe Square und das Thin House in South Kensington fahre ich zum Leadenhall Market. Denn dort ist schon die Halloween Deko installiert. Riesige, lila Tentakelarme ragen aus den Fenstern heraus. Muss ich natürlich sehen.

Der Tag hat immer noch Stunden und die verbringe ich zunächst mit einem Abendessen bei Wagamama und dann mit dem Musical “Wicked”, was ich schon seit Jahren sehen wollte und was mich nicht enttäuscht hat.

06.10.2022 – Hammersmith mit Emery Walker House, Hogarth House, Chiswick House & The Vaults

Heute bin ich in Hammersmith unterwegs. Ein leckeres Frühstück gibt es in der Elderflower Press Cafe, dann steht der Besuch im Emery Walker House auf dem Programm. Wieder so ein kleines Schmuckstück. Ein ehemaliges Wohnhaus, das exakt zu erhalten wurde, wie es die Besitzer eingerichtet hatten. Wie sehr kann ich mir vorstellen, in so einem Haus zu leben…

Weiter geht es am Ufer entlang zum Grab von William Hogarth und anschießend zum Hogarth House. Den Abschluss der Museumstour macht das Chiswick House. Den Garten habe ich extra dazugebucht, finde aber, den kann man sich sparen. Es gibt nicht viel zu sehen. Das Haus selber lohnt sich allerdings.

Zurück in London bin ich noch zu “The Witches of Oz” verabredet. Ein skurriles Theaterstück in mehreren Akten, mit Locationwechsel und zwischendrin Essen. Ein kurzweiliger Abend mit guter Stimmung, die aber umschlägt, als ich wieder an die frische Luft komme. Puh..so viel Wein hatten wir gar nicht. Dennoch fühle ich mich total betrunken. Mein Kumpel Vishal bestellt mir ein Uber, ich kann mich aber nicht erinnern, wie ich aufs Zimmer gekommen bin. Am nächsten Morgen wache ich mit Megakater auf und habe ein riesige Beule an der Stirn. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wo ich die her habe… Den ganzen Tag fühle ich mich schwach und wirklich elend. Das ist mehr als ein Hang-over.. Ich tippe mal auf K.O. Tropfen. Wobei ich mir nicht erklären kann, wie das passiert sein soll. Wir hatten unsere Gläser immer im Blick… Nun gut, ein Totalabsturz stand nicht auf meiner Bucket List für diesen London Trip, ist jetzt aber hiermit auch abgehakt. War nicht cool und definitiv das low light meines Aufenthaltes.

07.10.2022 – Speaker House Tour & Chocolate Cocktail Club

Aus genannten Gründen des Vorabends startet mein Tag heute sehr spät. Der Wecker muss mehrfach weitergestellt werden, selbst nach der Dusche fühle ich mich immer noch elend. Aber ich bin mit Rebekka verabredet und so raffe ich mich auf, auch wenn ich mich im Bus sehr anstrengen muss, weder ohnmächtig zu werden, noch irgendwo hin zu kotzen.

Rebekka treffe ich um 14 Uhr im Watch House bei Shad Thames und erstmalig an diesem Tag bleiben Wasser und Essen drin. Die Kräfte kommen langsam zurück, auch wenn ich mich immer noch schwach fühle.

Um 16 Uhr haben wir beide die Tour durch das Speaker House bei den Houses of Parliament gebucht. Eine tolle Tour, die ich jedem nur empfehlen kann. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Aufgaben der Speaker tatsächlich hat und wie opulent die Räume sind, in denen er arbeitet.. Leider sind Fotos komplett verboten, aber in der Westminster Hall darf man welche machen. Hier zu stehen, wo noch vor wenigen Tagen der Sarg der Queen aufgebahrt war, fühlt sich schon noch komisch an..

Danach geht es weiter in meine Lieblings-Cocktail Location – den Chocolate Cocktail Club. Ich kenne die Besitzerinnen Rachel & Holly schon mehrere Jahre und liebe ihre Cocktails sehr. Wir sind passend zum einjährigen Jubiläum des neuen, eigenen Standortes vor Ort. Wir probieren den neuen “Pornstar’s best friend” und sind beide sehr begeistert. Auch die Nachos sind sehr gut. Seit dem Umzug an den neuen Standort gibt es auch kleine Speisen und an ausgewählten Tagen sogar einen Afternoon Tea. Den will ich auch unbedingt mal probieren. Cooler Abend, super Stimmung und Musik vor Ort. Hätte ich am Morgen gar nicht gedacht, dass ich doch noch so viel Spaß haben werden heute.

08.10.2022 – Highgate Cemetery, Car Boot Sale, St. Pancras Renaissance Hotel & Geistergeschichten

Ein aufregender Tag, denn der letzte Location Wechsel steht an und für die letzten Tage lasse ich es krachen und erfülle mir einen großen Wunsch. 2 Nächte im St. Pancras Renaissance Hotel. Ich freue mich schon so.

Aber zunächst nur das Gepäck abladen und auf zum ersten Programmpunkt für heute. Eine Führung in private Mausoleen auf dem Highgate Cemetery. Den Friedhof habe ich schon oft besucht und auch den Mausoleen bin ich schon vorbeigelaufen. Aber hinein zu dürfen, ist wirklich besonders. Erstaunlich und faszinierend, wie aufwändig manche Grabstätten sind. Und das selbst, wenn es gar keine Nachkommen gab. Für wen hat man das ganze Geld ausgegeben?!

Auf dem Granary Square ist ab heute Mittag ein Car Boot Sale, der bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein noch mal mehr Spaß macht. Klamotten, Möbel, alte Autos und Schallplatten aus den 50er bis 70ern, alles wird direkt aus dem Kofferraum verkauft. Es riecht überall ein wenig nach Mottenkugeln, aber die Stimmung ist großartig.

Kurzes Lunch bei Dishoom und dann endlich Einchecken! Das Gepäck steht schon auf meinem Zimmer für mich bereit, was für ein Service. Ich habe mir eine Junios Suite gebucht und bekomme damit auch Zugang zum Chambers Club. Dort bekomme ich den ganzen Tag Essen und Trinken kostenlos. Das Zimmer ist sehr geräumig, plüschige Teppiche und im Bad wartet meine besondere Badeente auf mich. Highlight ist natürlich die Treppe, die einigen vielleicht noch aus dem Wonnabe Video der Spice Girls bekannt ist. Dieses Mal darf ich die ganz legal bis nach oben marschieren und so viele Fotos machen, wie ich möchte. Und ja, das werden einige …

Abends bin ich mit Rebekka erneut auf dem Kensal Green Cemetery wo wieder Geistergeschichten auf dem Programm stehen. Für mich leider das letzte Event des London Month of the Dead für dieses Jahr.

09.10.2022 – Deptford, Rooftop Royal Opera House & Robbie Williams

Mein Tag startet mit ein paar Runden im Pool. Der ist ziemlich warm und auch nicht besonders groß, aber die Erfrischung tut gut und bereitet auf das Frühstück vor.

Mal wieder ist das Wetter perfekt und mein Ausflug nach Deptford könnte besser nicht laufen. Am Wasser entlang entdecke ich einige Überbleibsel aus der Zeit, als hier noch aktives Hafengebiet war. Brücken und Kontrollhäuschen, Locks und immer wieder fantastische Ausblicke auf Canary Wharf. Diese Stunden machen mir meinen Abschied noch viel schwerer als es ohnehin schon ist.

Ein Highlight habe ich heute aber noch, denn ich schaffe es endlich hoch auf die Rooftop des Royal Opera House, wo ich dem Gewusel in Covent Garden unter mir bei einem Glas Wein zusehe. Über den Haupteingang am Shop vorbei geht es über eine normale Treppe und dann eine Rolltreppe nach oben. Bestellt wird einfach an der Bar, dann kannst du dir deinen Platz aussuchen.

Abends treffe ich mich erneut mit Rebekka, denn wir haben schon seit Monaten Karten für Robbie Williams in der O2 Arena. 1,5 Stunden gute Show, die meine Zeit hier ganz wunderbar zum Abschluss bringt. Bei “Angels” kämpfe ich kurz mit den Tränen.

Fazit meiner Londonzeit

4 Wochen London gehen zu Ende, eine Zeit in der ich so glücklich war wie noch nie zuvor. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich die Möglichkeit und finanziellen Mittel hatte, diese Zeit anzutreten und voll zu genießen. Ich habe so wenig geschlafen, so viel getrunken und gut gegessen, so viele Museen und Events besucht, so viele Kilometer gelaufen wie noch nie zuvor. Die Monate der Planung haben sich komplett ausgezahlt, da jeder Tag auf seine Art perfekt war. Ich werde die Zeit nie vergessen und hoffentlich auch die Zufriedenheit bewahren können, die ich hier gespürt habe. Zur Sicherheit habe ich eine neue Kette mit Fledermausanhänger, die mich daran erinnern wird, jedes Mal, wenn ich sie berühre.