Last Updated on 24. September 2025

Seit Ende Mai bereichert ein neues Highlight den Queen Elizabeth Olympic Park: das V&A East Storehouse. Dieses innovative Museum setzt neue Maßstäbe in Sachen Größe und Konzeption. Auf vier Ebenen und einer Fläche, die mehr als 30 Basketballfeldern entspricht, werden über 250.000 Objekte und 350.000 Bücher öffentlich zugänglich gemacht – und das völlig kostenlos.

Als stolzer Museums-Geek habe ich meinen ersten Besuch kurz nach der Eröffnung eingeplant. Vielleicht war ein Samstag nicht der ideale Tag dafür, denn die Schlage vor dem Einlass war lang – und das bei sommerlichen Temperaturen. Aber nach ca. 30 Minuten war ich drin und auch wenn ich befürchtet hatte, dass es arg überlaufen wäre – drinnen verteilen sich die Besucher tatsächlich sehr gut. Und gelohnt hat sich die Wartezeit auf jeden Fall! Warum? Das erzähle ich dir anhand meiner bisherigen Highlights. Da ich jetzt schon weiß, dass ich diesem Museum regelmäßig einen Besuch abstatten werden, wird auch dieser Post regelmäßig aktualisiert werden.

Was bietet das V&A East Storehouse?

Die Sammlung des V&A East Storehouse ist riesig: es beherbergt über 250.000 Objekte, 350.000 Bücher und 1000 Archive aus der Sammlung des V&A. Dazu kommen  noch 361 Shirts (Hemden), 282 Tassen und über 850 Puppen.

Wer steckt hinter dem Design des Gebäudes?

Das Design des Museums geht auf die Designer Diller Scofidio + Renfo zurück, die mit der Unterstützung der britischen Architektenfirma Austin-Smith:Lord das Gebäude auf einem Teil des ehemaligen Olympic Media and Broadcast Centres der 2012er Olympischen Spiele erschaffen haben.

Der Aufbau des V&A East Storehouse

Level 0

Auf Level 0 befindet sich der Eingangsbereich mit Schließfächern, Toiletten und dem kleinen Cafe. Am schwarzen Brett angeschlagen werden die an diesem Tag stattfindenden Events gelistet. Wichtig: Taschen dürfen nicht mit reingenommen werden, d.h. du musst sie einschließen.

Level 1

Über ein paar Stufen und einen kurzen Korridor hinweg steht man in der Weston Collection Hall (Level 1). In der Mitte der Halle ist der Boden aus Glas, was einen Blick in den drunter liegenden Stauraum ermöglicht.

Auf diesem Level habe ich erst mal nur inne gehalten und die Dimensionen bestaunt, die Ausmaße des Museums sind riesig.

Level 2

Über Stufen oder mit dem Lift gelangst du zu Level 2. Über einen Rundweg kommst du an den Exponaten vorbei. Kernstück ist hier ein Teil des Robin Hood Gardens, einem ehemaligen Londoner Wohnkomplex in Poplar.

Mein zweites Highlight war die Torrijos Ceiling, eine Deckengestaltung aus dem 15. Jahrhundert.

Hier befindet sich auch das Study Centre, wo man vorbestellte Objekte näher einsehen und studieren kann.

Level 3

Auch auf Level 3 erwartet dich ein Rundweg, der dich an allen Exponaten vorbeibringt. Und auch der komplette Überblick über das restliche Museum. Hier werden die Dimensionen so richtig deutlich. Von hier oben sieht man  auch, wie wuselig es überall ist und wie gut sich die Besucher dennoch verteilen.

Meine Highlights im V&A East Storehouse

Die Frankfurt Kitchen

In den 1920er-Jahren entwickelte die Architektin Margarete (Grete) Schütte-Lihotzky in Frankfurt die Frankfurt Kitchen – die erste moderne Einbauküche. Sie war funktional, platzsparend und auf effiziente Haushaltsführung ausgerichtet. Merkmale waren u. a. leicht zu reinigende Flächen, griffbereite Vorratsbehälter und eine außenbelüftete Kühlkammer. Die Küche wurde tausendfach eingebaut und gilt als Vorläufer aller modernen Küchen. Die im V&A East Storehouse gezeigte Küche wurde nach rund 80 Jahren Nutzung aus einer Frankfurter Wohnung gerettet und in den Originalzustand zurückversetzt. Der Herd stammt vermutlich aus den späten 1930er-Jahren. Solche Exponate faszinieren mich immer sehr, denn irgendjemand hat die Tragweite der Küche erkannt und sie aufgehoben.

London Olympic Cauldron Model

2012 habe ich in Nottingham gelebt und bin zu den Olympischen Spielen in London gewesen. Dieses Event hat daher eine besondere Bedeutung für mich. Das London Olympic Cauldron (der Kessel mit den 204 per Hand gefertigen Kupfer“blütenblättern“, von denen je eins für jedes teilnehmende Land stand) habe ich also live im Olympic Stadium brennen sehen. Und deshalb freue mich natürlich auch sehr, dass das kleine Model im Museum zu sehen ist. Dort steht es zusammengeklappten Zustand, d.h. alle Blütenblätter zeigen noch oben.

Die Kaufmann Office

Edgar J. Kaufmann war ein Handelsmagnat in Pittsburgh, der Frank Lloyd Wrights mit dem Design seines Büros beauftragte. Kaufmann wurde dazu von seinem Sohn Edgar Kaufmann Jr. überredet, da dieser ein Praktikum bei Wright absolviert hatte und von dessen modernem Stil überzeugt war. Das Büro ist aus vielen Gründen besonders:

  • Es enthält noch alle originalen Möbel, Holzarbeiten, Teppiche und Textilien.
  • Trotz des wohlhabenden Auftraggebers wurde es aus schlichten Materialien wie Zypressensperrholz gefertigt.
  • Es ist die einzige Arbeit des Architekten Wright außerhalb der USA, die dauerhaft ausgestellt ist.
  • Dass wir das Büro heute bewundern können, haben wir wieder Edgar Kaufmann Jr. zu verdanken, der das gesamte Zimmer 1974 mit den Worten „Wright’s work could not have found a safer and more suitable haven“ (Wrights Arbeit hätte keinen sichereren und geeigneteren Ort finden können) ans V&A schenkte.

Man kann das Büro durch zwei Türen einsehen, aber nicht betreten.

Ein Teil des Robin Hood Gardens

Robin Hood Gardens war ein ehemaliger sozialer Londoner Wohnkomplex in Poplar, der im Brutalist Style (also mit viel sichtbarem Beton und harten Kanten) geschaffen wurde. Die Arbeit von Alison (1928 –1993) and Peter Smithson (1923 – 2003) wurde 1972 fertiggestellt. Da Architektur und Design als relevant bzw. stellvertretend für den Brutalist Style angesehen werden, hat das V&A Teile der Außenfassade und Teile einer Wohnung erworben und zeigt das nun im Museum.

Der Wohnkomplex ist mittlerweile abgerissen.

Die Torrijos Ceiling

Die Torrijos Ceiling ist eine Deckengestaltung aus dem 15. Jahrhundert. Die aufwändig dekorierte und vergoldete Holzdecke umfasst unglaubliche 6m x 6m und stammt aus Torrijos, nahe Toledo in Spanien.

Dort war sie eine von vier Decken im Palast von Gutiérre de Cárdenas (†1503) und Teresa Enríquez (†1529), die einflussreiche Mitglieder des Hofes von Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien waren. Der Palast war um einen Innenhof mit vier Türmen gebaut und in jedem Turm befand sich eine individuell gestaltete Decke dieses Typs. Das Design zeigt achtzackige Sterne mit maurischen und gotischen Stilelementen, z.B. stilisierte Disteln, ein Wortspiel mit dem Namen „Cárdenas“.

Ein weiteres interessantes Detail: Gutiérre war derjenige, der das erste Treffen zwischen Ferdinand und Isabella arrangierte. Als Isabella ihn fragte, wer denn Ferdinand sein, antwortete er mit einem knappen „Ese“ („Der da“) und durfte seitdem ein verziehrtes „S“ (spanisch Ese) in sein Wappen aufnehmen. Schau mal genau in die Mittelstücke der Decke, dann wirst du das S gleich mehrfach erkennen.

Um 1900 befand sich der Palast in einem desolaten Zustand. Eine spanische Publikation von 1902 dokumentiert das Gebäude und beschreibt, dass die kostbaren Decken zum Verkauf stünden. 1917 wurde das Gebäude schließlich abgerissen.

Einer dieser Käufer war Lionel Harris (1862–1943), Kunsthändler mit Galerien in London und Madrid. Er bot dem V&A Museum 1904 eine der Torrijos-Decken an. Harris veranschlagte für die Decke £480, fast noch mal die gleiche Summe für Transport und erste Reparaturen. Die Gesamtkosten wären aus heutiger Sicht fast 70.000 Pfund. Das Museum zeigte dennoch Interesse – ein Berater bezeichnete die Decke als „wahrhaft großartiges Exemplar“. Zum Vollständigkeit: die drei übrigen Decken wurden an Museen in Madrid, San Francisco und in der Loire (Frankreich) verkauft.

Die Decke fürs V&A wurde in 40 Kisten verpackt und verblieb für viele Jahre im Depot. Für die Vorbereitung der Installation im V&A East Storehouse wurde das 100 m² große Kunstwerk erstmalig aus nächster Nähe erforscht und hängt jetzt in gut zehn Metern Höhe im Museum und kann dort drunter sitzend bestaunt werden.

Seit September 2025 – David Bowie Centre

Seit Mitte September ist eine weitere Gallerie eröffnet: das David Bowie Centre beherbergt 90.000 Gegenstände aus der Sammlung des Ausnahmekünstlers. Dazu zählen Kostüme, Instrumente, Songtexte, Bühnenaccessoires…Ein Must-See für jeden Fan oder alle, die sich einfach nur inspirieren lassen wollen. Für den Besuch brauchst du ein zusätzliches, zeitlich festes, kostenloses Ticket. Diese Tickets werden immer mit ca. 6 Wochen Vorlauf freigeschaltet.

Neben zwei Bereichen, wo du nach vorheriger Anmeldung Teile der Sammlung direkt studieren kannst, gibt es neun große Glaskästen, die thematisch sortierte Gegenstände zeigen. Parallel dazu läuft ein zweistündiger Film, der Originalaufnahmen von Konzerten – beginnend in den 60ern bis hin zu Black Star – zeigt. An einem großen Tisch stehen diverse „topic boxes“, deren Inhalt du rausnehmen und studieren kannst. Darüber hängen 25 Originalkostüme in teils durchsichtigen Boxen.

Praktische Tipps für den Besuch

Und, Lust bekommen dieses einzigartige Museum selbst zu entdecken? Dann kommen hier die wichtigsten Infos für deinen Besuch:

  • Adresse: Parkes Street, Queen Elizabeth Olympic Park, Hackney Wick, London, E20 3AX
  • So kommst du hin: Ab der Stratford Station mit dem Bus 388 bis zur Haltestelle „Copper Box“, von dort noch wenige Minuten Fußweg
  • Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr, donnerstags & samstags bis 22 Uhr
  • Eintritt: frei, nur Sonderausstellung sind kostenpflichtig (das ist in allen V&A Museen so)
  • Zugang: Barierrefrei, es gibt Rampen und Aufzüge
  • Gut zu wissen: Es gibt Glasböden, die das Betrachten der Gegenstände ermöglichen und die eigentlichen Wege sind Stahlböden mit Löchern.
  • Es gibt im Eingangsbereich viele Schließfächer, denn Taschen und Rücksäcke dürfen nicht mitgenommen werden
  • Im EG befindet sich auch ein Cafe von E5 Bakehouse, die Heiß- und Kaltgetränke, kleine Gerichte und Frühstücke und vegetarische, vegane und glutenfreie Optionen bieten
  • Aktuelle Events findest du auf der Webseite des V&A East Storehouse

Falls du dich am Ende dieses Posts noch fragst, wo die ganzen tollen Schätze denn in den letzten Jahrzehnten waren und warum man sie auf einmal öffentlich ausstellt… 2015 verkündete die britische Regierung, dass sie das Blythe House verkaufen. Dort war ein Großteil der Sammlung des V&A eingelagert. Die Kosten alles einzupacken und an einen anderen Ort zu bringen wurden enorm geschätzt und hätten die Sammlung vermutlich an günstigere Orte außerhalb Londons gebracht. Es entstand die Idee eines eigenen Lagerhauses, das gleich mehrere Zwecke erfüllen soll: Ein Ort innerhalb Londons, wo die Sammlung gepflegt, konserviert und studiert werden kann und Zugang für die Öffentlichkeit, um die Artekfakte allen zugänglich zu machen. Und genau das ist mit dem V&A East Storehouse, meiner Meinung nach, perfekt gelungen.

Es folgen noch ein paar Impressionen aus dem Museum. Und dann wünsche ich viel Spaß beim ersten eigenen Besuch!