Last Updated on 15. Mai 2026
Wenn man an Gärten in London denkt, fällt einem vermutlich sofort Kew Gardens ein – riesig, berühmt, UNESCO-Welterbe (nur eins von mehreren in London). Aber dann ist da auch noch der Chelsea Physic Garden – ein Hidden Gem auf vier Acres mitten in Chelsea, umschlossen von einer hohen Backsteinmauer, bestehend seit über 350 Jahren – der zweitälteste botanische Garten in England (nach Oxford) – und trotzdem für viele ein unbekannter Ort. Das ändern wir mit diesem Post.
- Willkommen im Chelsea Physic Garden
Bevor wir durch die Beete schlendern, ein kurzer Blick auf die Geschichte. Denn ohne sie versteht man den Garten nur halb.
Wer ist die Worshipful Society of Apothecaries?
Die Worshipful Company of Apothecaries ist eine der sogenannten Livery Companies der City of London – mittelalterliche Handelsgilden, die gegründet wurden, um bestimmte Berufe zu regulieren und zu kontrollieren. Die Apothekers-Gesellschaft entstand 1617 als Abspaltung von einer Vereinigung, zu der zuvor auch Gewürzhändler und Lebensmittelhändler gehörten.
Ihr Wappen zeigt Apollo, den Gott der Heilkunst, der einen Drachen – genauer: einen Wyvern, das Symbol der Krankheit – bezwingt. Ganz oben auf dem Wappen thront dann das Tier, das im Apothecaries‘ Hall bis heute überall auftaucht: ein Nashorn, dessen Horn man damals für ein wirksames Heilmittel hielt. Du kannst das Wappen u.a. am Südtor des Chelsa Physic Gardens sehen.
- Das Wappen der Apothekergilde
1704 wurde per Gesetz beschlossen, dass Mitglieder der Gesellschaft offiziell Medizin praktizieren durften. Seit 1815 dürfen sie außerdem medizinische Praktiker lizenzieren und regulieren – eine Rolle, die sie formal bis heute innehaben. Kurzum: Diese Leute waren zu ihrer Zeit eine echte Macht in der britischen Medizin. Und einen Garten für ihre Zwecke, den wollten sie natürlich auch.
1673 – Ein Garten für Heilpflanzen entsteht
1673 gründete die Worshipful Society of Apothecaries einen Garten zum Anbau von Heilpflanzen am Ufer der Themse – in dem, was damals noch das Dorf Chelsea war. Die Lage war kein Zufall: Die Nähe zur Themse sollte ein wärmeres Mikroklima erzeugen, das auch empfindlicheren Pflanzenarten zugutekäme. Außerdem konnten die Apotheker ihr Boot am Fluss anlegen und Pflanzen-Expeditionen von dort aus starten.
Der Garten war von Anfang an mehr als ein paar Blumenbeete. Er war Lehrort, Forschungsstätte und lebendiges Archiv.
Fun Fact: Zu den ersten Pflanzen, die im Garten wuchsen, gehörten die ersten Libanonzedern, die jemals in England angepflanzt wurden.
Sir Hans Sloane – der Mann, der alles gerettet hat
Ohne diesen einen Mann würde der Garten heute wahrscheinlich nicht mehr existieren.
Sir Hans Sloane (1660–1753) ist vor allem bekannt als Sammler, dessen Kollektion die Grundlage des British Museums bildet. Aber er spielte auch eine entscheidende Rolle für den Chelsea Physic Garden. Er hatte in den 1680ern im Garten selbst als Lehrling gearbeitet. Das prägte ihn offenbar nachhaltig.
1722 kaufte Sloane das Manor of Chelsea – 166 Acres, inklusive dem Physic Gardens. Diese vier Acres überließ er den Apothekern auf ewig für eine jährliche Pacht von 5 Pfund. Ein Betrag, der sich nie änderte und bis heute – an die Cadogan-Familie, Sloanes Nachkommen – gezahlt wird.
Fun Fact: In den 1680ern lernte Sloane als Arzt auf Jamaika, wie dort Kakao mit Milch gemischt wurde, um Magenprobleme zu behandeln. Er brachte dieses Rezept mit nach England – woraus später eine Spezialität entstand, die Cadbury sehr reich machte.
Seine Statue steht im Garten. Der Sloans Square und die Sloane Street wurden nach ihm benannt.
- Sir Hans Soane
Philip Miller – der Gärtner, der die Welt veränderte
Von 1722 bis 1770 war Philip Miller als Chefgärtner tätig. Er verstand es meisterhaft, die Wachstumsbedingungen verschiedenster Klimazonen nachzuahmen, und klassifizierte zahlreiche Pflanzenarten erstmals für die westliche Wissenschaft.
Miller schulte unter anderen William Aiton, der später Chefgärtner in Kew wurde, und William Forsyth, nach dem die Forsythie benannt ist. Sein Gardener’s Dictionary erschien in acht Auflagen und war jahrzehntelang das Standardwerk für Gärtner in Großbritannien und Amerika.
Fun Fact: Im Garten entdeckten die Gärtner durch Zufall, wie man Rhabarber „treibt“. Die Geschichte besagt, dass jemand Rhabarber unter einem umgekippten Eimer fand – der dort deutlich höher und gerader gewachsen war als der übrige Rhabarber im freien Beet. Heute ist das eine gängige Gartentechnik. Damals war es eine Sensation.
Der Chelsea Physic Garden heute
Der Garten ist heute Heimat von mehr als 4.500 Heil-, Nutz- und essbaren Pflanzen. Hinter der alten Backsteinmauer erwartet einen eine andere Welt – ruhig, grün und voller Geschichte.
- Diverse Gärten mit unterschiedlichen Schwerpunkten
- Es gibt auch einen Granatapfelbaum
- Und immer wieder Platz zum Innehalten
Es gibt historische Gewächshäuser mit tropischen Orchideen, Farnen und Mittelmeerpflanzen. Außerdem steht hier der älteste öffentliche Steingarten Englands, entstanden 1773. Und es wachsen hier Pflanzen, die die Welt verändert haben – von Heilkräutern bis zu Nutzpflanzen, deren Geschichte sich wie ein Globus-Trip anfühlt. Es gibt auch einen Extrabereich mit hochgiftigen Pflanzen.
- Finger weg von den hochgiftigen Pflanzen
Im Fortune’s Tank Pond leben Kröten, Frösche und Molche. Im Garten wachsen außerdem über hundert verschiedene Schneeglöckchenarten, die auf einem eigenen Rundweg entdeckt werden können.
- Der Teich im Chelsea Physic Garden
Und dann ist da noch das Café – das Physic Garden Café serviert saisonale Küche inmitten der Beete.
- Das Cafe ist ein herrlich entspannter Ort mitten im Garden
Nützliche Infos für deinen Besuch
- Adresse: 66 Royal Hospital Road, Chelsea, London SW3 4HS
- Anreise: Die nächste U-Bahn-Station ist Sloane Square (District und Circle Line), etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt. Der Bus 170 Richtung Victoria hält direkt vor dem Garten.
- Öffnungszeiten und Tickets: Am besten direkt auf der Website des Chelsea Physic Garden checken – Öffnungszeiten und Preise variieren je nach Saison.
- Samstags ist der Garten geschlossen.
Fazit
Der Chelsea Physic Garden ist einer jener Orte, die man gesehen haben muss – nicht wegen des Instagram-Potenzials, sondern weil er etwas erzählt. Von Heilern und Händlern, von Pflanzenjägern und Wissenschaftlern. Warst du schon hier?








